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10.02.2021

Alpentraverse 2020 - 4 Monate von Berchtesgaden zum französischen Mittelmeer 26 Briançon - Pontechianale

 



Auf dieser Etappe erlebe ich eine spannende Gratwanderung und erhalte Einblick in das Leben der Alpenschäfer.

Briançon ist die größte Stadt auf meinem Weg durch die Alpen, dementsprechend dauert es auch eine Stunde lang, bis ich Lärm und Gestank hinter mir lasse. Wahrscheinlich haben die Monate in der Alpennatur mich noch empfindlicher als sonst gemacht...
Hinter L'Envers de Fondaril überquere ich die Durance und steige auf trockenen Pfaden, die wohl hauptsächlich von Mountainbikern genutzt werden, im Wald auf. Über der Baumgrenze weisen dann Schilder auf einen militärischen Übungsplatz hin, und es gibt noch etliche Befestigungen. Aber ansonsten wirkt es nicht mehr so, als ob hier Schießübungen veranstaltet werden. Auf einer alten Militärstraße laufe ich entlang des Kamms einer Bergkette mit herrlichen Aussichten zum Col de Gondran auf 2347 Meter. 

                                          Militärpiste im Hang

Hinter dem Col de Gondran Est (2315) wandere ich auf schönen Pfaden weiter durch eine flache, weite Graslandschaft. Noch jetzt blühen Silberdisteln und Schafgarbe, ausserdem wimmelt es förmlich von Grashüpfern. 


                                           Weite Graslandschaft

Am Lac Gignoux gelange ich unmittelbar an die italienische Grenze. Es gibt hier etliche Pfade, aber das Terrain lädt zum weglosen Laufen ein, daher steige ich in weitgehend gerader Linie in Richtung der Cima Dormillouse auf, wo ich schließlich mein Lager errichte. Interessanterweise gibt es hier nirgendwo Vieh. Vielleicht weil die Gegend zu trocken ist!

                                                    Weglos durch die "Prärie"

                                                   Lager an der Cima Dormillouse

Meinen Abendspaziergang unternehme ich dann bergauf. Urplötzlich kommt Nebel auf, der gerade noch so von der Sonne durchbrochen wird. Eine faszinierende Stimmung!

                                                     Plötzlich kommt Nebel auf

Es wird dann ziemlich spät bis ich wieder beim Zelt bin, und ich bin froh, dass mir das GPS den Weg in Nebel und aufkommender Dunkelheit zeigt...
Obwohl es in der Nacht leicht gefroren hat, empfand ich die Temperatur im Schlafsack als angenehm. Ein herrlicher Morgen bricht an und bald steige ich in den Grashängen wieder bergauf und erreiche schon nach zwei Stunden den Gipfel der Cima Dormillouse auf 2908 Meter. Ab hier beginnt eine lange Wanderung oberhalb des Bivacco Corradini vorbei zum 3100 Meter hohen Monte Terra Nova. Stellenweise gibt es die Andeutung eines Pfads und ab und zu einen Cairn, aber im Prinzip folge ich einfach dem Kamm, mal durch felsiges, mal durch grasiges Gelände. 




                                                          Lange Gratwanderung

                                                Monte Terra Nova (3100 m)

Von hier will ich dem Grat weiter zur Punta Merciantaira auf 3239 m folgen. 

                                                       Ich folge dem Grat weiter

Zunächst steige ich ein Stück ab, im losen Schotter, dann geht es wieder bergan bis unter die Cima Klausi auf ca. 3200 Meter. Leider ist der Grat anschließend sehr steil und felsig, so dass ich beschließe zum Col de Malrif auf 2830 Meter abzusteigen. Lange Zeit quäle ich mich durch steilen, losen Schotter, komme aber voran. 

                                                 Steiler Abstieg im losen Schotter

Schließlich gelange ich in ein abgelegenes, hochalpines Tal mit gelbem Gras. Die Gegend erinnert mich an das nepalesische Dolpo im Herbst! Es gibt hier sogar ein kleines Bächlein, aus dem ich das erste Wasser heute nehme. 

                                            Einsames Hochtal

Ich traversiere dann weiter im Hang zum Col de Malrif auf 2830 Meter, wo ich wieder auf einen Pfad stoße.
Hier treffe ich dann auch die ersten Wanderer heute und laufe durch die großartige Landschaft im Hang und auf dem Grat weiter zum Col des Thures. (2795 m)

                                    

                                               Zum Col des Thures

                                              Col des Thures (2830 m)

                                     Aussicht nach Westen

Nachdem ich ich in Serpentinen abgestiegen bin, schlage ich auf etwa 2500 Meter mein Lager auf. 

Während ich beim Abendessen auf meiner Matte sitze, zieht eine Schafherde auf mich zu. Der Hund der sie begleitet, beachtet mich glücklicherweise überhaupt nicht. 

                                                 Besuch beim Abendessen

Dann erscheint die Schäferin, zunächst ist sie natürlich überrascht, jemand mit Zelt hier vorzufinden, unterhält sich dann aber sehr freundlich mit mir. Joanna stammt aus Belgien und hütet hier oben den ganzen Sommer lang die Schafe. Ihre Hütte ist nicht weit entfernt, daher lädt sie mich ein, sie nachher zu besuchen.

                                          Die Schäferin Joanna

Als es dann dunkel ist, folge ich dem Schlauch der Wasserleitung in der Nähe bis zu der kleinen Unterkunft, in der sie den Sommer verbringt.  Wir teilen ihr letztes Bier und sie erzählt mir ihre interessante Geschichte: Eigentlich ist Joanna Krankenschwester, die sich in Belgien um Obdachlose gekümmert hat. Im letzten Jahr hat sie dann eine Ausbildung zur Trapezartistin gemacht, und wollte in diesem Jahr im Zirkus auftreten, was Corona aber zunichte gemacht hat. Der Mann ihrer Schwester ist Schäfer mit einer eigenen Herde in der Gegend und hat ihr dabei geholfen den Hütejob für den Sommer zu finden. Zunächst hat sie ein anderer Schäfer eingearbeitet, aber seit langem ist sie jetzt schon alleine mit einem Hund für 1200 Schafe verantwortlich. Joanna ist eigentlich ein sehr sozialer Mensch, und fühlt sich daher manchmal allein. Andererseits genießt sie auch sehr die Berge und die Einsamkeit hier. Manchmal muss sie kranke Schafe versorgen, wobei ihr alte Job als Krankenschwester hilft, aber sie hatte auch schon so spannende Erlebnisse wie einen Wolf in der Nähe, der die Schafe angreifen wollte. 

                                         Zu Besuch bei Schäferin Joanna

Wir unterhalten uns sehr gut, aber schließlich trete ich dann unter dem Sternenlicht der funkelnden Milchstraße den Rückweg an. 
Um kurz vor 7 bin ich am nächsten Morgen wieder unterwegs. Schon bald färbt die aufgehende Sonne einen entfernten Hang.

                                                Morgenrot

Ich wandere talabwärts bis zum Beginn des Lärchenwaldes und steige dann im Tal des Torrent St. Martin aufwärts. Zurück an der Baumgrenze vernehme ich merkwürdige Geräusche: Eindeutig das Zischen und Kollern eines Birkhahns! Eigentlich balzen die Hühnervögel ja im Frühjahr, so hatte ich sie ja im Nationalpark Berchtesgaden gehört. Aber offenbar vertun sich manche Vögel mitunter in der Jahreszeit...
Leider gelingt es mir nicht, den Birkhahn zu Gesicht zu bekommen. 

                                         Torrent St. Martin

Joanna hat mir eine Nachricht für einen anderen Schäfer mitgegeben, dessen Funkgerät kaputt ist. Zunächst sehe ich seine Schafherde am Hang, treffe  dann aber auch Xavier, der seit 7 Jahren als Schäfer arbeitet. Er hütet seine Herde von 2000 Merinos, die aber anderen Leuten gehören, mit drei Hunden. Zwar erzielt man gewisse Erlöse aus Fleisch- und Wolleverkauf. 70 % der Einnahmen aus der Schafzucht seien aber Subventionen der EU. Auch für Wolfsrisse gäbe es Entschädigungen. Da dies aber auf der italienischen Seite kaum der Fall sei, gibt es dort auch keinen Schäfer mehr, erzählt Xavier. Im Sommer ist er 4 Monate lang hier oben, und hütet im Winter im Flachland der Provence Schafe. Der schweigsame Mann liebt dieses Leben, auch wenn er sich manchmal einsam fühlt. So hat er keine Freundin und denkt, dass die Rückkehr in ein "normales" Leben für ihn zunehmend schwierig wird. 


                                      Begegnung mit dem Schäfer Xavier

                      Die Schäferhütte über dem St. Martin Tal 

Der weitere Anstieg zum Col St. Martin auf 2658 Meter ist einfach und grasig. 

                                           Aufstieg zum Col St. Martin

Ich folge dann dem Grat weiter zum Col du Lac Chalenties auf 2745 Meter. Eigentlich möchte ich von hier dem Kamm weiter folgen, aber der Grat ist zu steil und felsig, daher steige ich ein Stück im Schotter ab und traversiere dann weglos in Richtung Col Bucie. 

                                     Traverse zum Col Bucie

Unterhalb des Passes stoße ich wieder auf einen Pfad und habe bald den Pass erreicht, auf dem das große, teilweise verschlossene Bivacco Soardi steht. Ich bin jetzt wieder in Italien.  Zu meinem Erstaunen treffe ich hier einige Wanderer. 
Nach einem steilen Abstieg traversiere ich weiter zum Colle delle Boine auf 2400 Meter und beginne dort den langen Talabstieg zur Alpe Crosenna auf 1700 Meter. Im Lärchenwald mit vielen Himbeeren wandere ich dann wieder bergauf. Es hat sich jetzt zunehmend bewölkt, nieselt und donnert einige Male. Daher schlage ich mein Lager auf einem kleinen Absatz auf. Tatsächlich regnet es dann aber kaum und ich unternehme noch einen Abendspaziergang in die recht wild wirkende Landschaft an der Baumgrenze. 
Schon morgens beim Aufbruch höre ich wieder einen Birkhahn und später einen weiteren. Interessant! 
Während die Sonne erscheint, und bald die Hänge in warmes Licht taucht, wandere ich eine ganze Zeit ohne große Steigung entlang der Baumgrenze. Einige Lärchen sind schon etwas verfärbt. 

                                                 

                                    Im warmen Morgenlicht

Schließlich gelange ich wieder auf einen deutlich belaufeneren Pfad, auf dem die Gta und die Tour de Monviso verlaufen. Ich steige ab ins weite Pellice Tal, vorbei am Rifugio Jervis. Einige Informationstafeln geben Informationen zur Viehwirtschaft und in der Nähe gibt es sogar einen Zeltplatz. 

                                        Im Pellice Tal 

Schließlich steige ich aus dem Tal auf zum Lago Lungo in dessen Nähe das Rifugio Granero liegt. 

                                                Der Sommer ist vorbei

Ab hier geht es recht steil aufwärts zum Col Sellière auf 2834 Meter, wo ich wieder die Grenze nach Frankreich überschreite. Unterwegs beobachte ich zwei Schneehühner, die schon weitgehend ihr weißes Wintergefieder angelegt haben.


                                          Schneehuhn im Gefiederwechsel

Ein recht kurzer Abstieg führt mich dann in das weite Hochtal der Guil. Leider hat es sich jetzt bewölkt. 


                                            Abstieg ins Guil Tal 

Ich passiere das Refuge du Viso, was auf mich verlassen wirkt, dennoch sitzt drinnen jemand. Am Talende in der Nähe des Lac Lestio, vor dem Vallanta Pass, schlage ich schließlich mein Zelt auf einem tollen Platz auf, der mir sagenhafte Ausblicke auf den 3841 Meter hohen Monviso gewährt. 

                                                Der Monviso (3841 m) erscheint


 Als ich dann später einen Abendspaziergang unternehme, ist es wieder aufgezogen und ich kann herrliche Aussichten auf den Monviso genießen.


                                              Monviso im Abendlicht

                                             Ein tolles Lager

                                                Im letzten Licht

Bereits nach einer Stunde Wanderung durch verblocktes Gelände stehe ich am nächsten Morgen auf dem Passo di Vallanta (2811 m). Hier gelange ich wieder nach Italien...
Ab hier beginnt der lange Abstieg in das Vallanta Tal.


         
                                                Abstieg in das Vallanta Tal


Ich beobachte einige Steinböcke und einen kapitalen Gamsbock, der bereits das Winterfell angelegt hat. 

                                                       Kapitaler Gamsbock

Ich wandere über bewirtschaftete Almen und gelange schließlich an die Waldgrenze, die von Lärchen und Zirben gebildet wird. Auf einem Fahrweg komme ich schließlich rasch voran. 



                                                   Im Vallanta Tal

                           Die ersten Lärchen verfärben sich

Weiter unten scheint es, als ob der Sommer noch nicht zu Ende sei. Zahlreiche Schmetterlinge tummeln sich an Schlangenknöterich und Disteln.





                                                                     Späte Schmetterlingspracht

Schließlich gelange ich nach Castello und folge dem Ufer des gleichnamigen Stausees nach Pontechianale. 

                                                Der Lago di Castello

In Pontechianale sind die Campingplätze bereits geschlossen und auch der Dorfladen hat zu. Als ich Leute frage, wo ich denn einkaufen könne, erfahre ich, dass ich dazu ins mehr als 10 Kilometer entfernte Casteldelfino muss! Ich habe kein Essen mehr, daher bleibt mir nichts anderes übrig, als mich auf den Weg die Straße entlang zu machen. Allerdings habe ich Glück und trotz Corona nimmt mich irgendwann ein Mann mit...
Der Minimarkt in Casteldelfino hat allerdings auch nur eine sehr bescheidene Auswahl und ist sehr teuer. Aber immerhin kann ich meinen Weg fortsetzen. Zurück laufe ich auf einem schönen Pfad durch die Laubwälder des Varaita Tals. Hier höre ich zum ersten Mal in diesem Herbst die Brunftschreie der Rothirsche, und das bereits am hellichten Tag!

                                                    Im Varaita Tal 

Ich erreiche Pontechianale zum zweiten Mal und wandere dann im Varaita Tal weiter aufwärts. Schließlich baue ich noch im Lärchenwald abseits des Wegs mein Zelt auf. Es ist schon spät und sieht nach Regen aus, daher unternehme ich keinen Abendspaziergang mehr.                          


   



1 Kommentar:

  1. Danke für den Bericht, es war schön zu lesen und die bunten Bilder zu sehen, vor allem jetzt, wenn man keine Reise unternehmen darf;)

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