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07.12.2014

Durch das Land der namenlosen Berge 5 - In das Innere Dolpo

Seitdem wir den Jungben La überquert haben, befinden wir uns definitiv im Inneren Dolpo. Dolpo ist die größte, aber auch am dünnsten besiedelte Region Nepals. Das Innere der Provinz ist vom Rest des Landes auf allen Seiten durch über 5000 Meter hohe Pässe abgeriegelt. Erst nach dem das neu gegründete nepalesische Königreich die Gegend 1789 erobert hatte, wurde sie Bestandteil Nepals. Aber noch heute sprechen die Leute hier tibetisch und sind auch durch ihre buddhistische Kultur ziemlich verschieden vom Großteil der hinduistischen Nepali.
Bis 1993 war das Innere, oder Obere Dolpo, für Ausländer komplett gesperrt, und auch heute noch gibt es, wie schon berichtet, große Restriktionen wenn man die Gegend besuchen möchte.
Nach einer frostigen Nacht unter meinem luftigen "Tarp" bin ich bereits vor 7 Uhr wieder unterwegs. Heute folgen wir zunächst über lange Zeit dem Tal des Thasan Kola, daher kann Bernd, der eher ungern so früh aufbricht, noch einige Zeit im Lager verbringen. Irgendwann werden wir uns dann wieder treffen. Zwar ist es schön, sich unterwegs mit einem Partner austauschen zu können, aber heute Morgen genieße ich das Allein sein intensiv. Damit Bernd mich einholen kann, lasse ich mir viel Zeit, beobachte Vögel und Murmeltiere, oder fotografiere. Sobald ich aus dem Schatten des Tales in den sonnigen Morgen eintauche, wird es spürbar wärmer. Weite Talabschnitte wechseln sich mit engen Schluchten ab.






                                 Impressionen aus dem Thasan Khola Tal

Bei einer Pause holt Bernd mich ein, und wir laufen gemeinsam weiter. Mit abnehmender Höhe wird die Vegetation von einer niedrigen Strauchart dominiert. Stellenweise treffen wir auf zahlreiche weidende Ziegen und ihre Hirten.

                         Mit abnehmender Höhe sind die Hänge mit niedrigen Sträuchern bewachsen

Dann erreichen wir eine Brücke und es wird spannend: Vor uns auf dem anderen Flussufer liegt Chharka Both, eine für Dolpos Verhältnisse große Siedlung. Obwohl es nach unseren Informationen hier keinen Kontrollpunkt gibt, müssen wir doch damit rechnen, unsere Permits vorzeigen zu müssen. Na ja, zwar sind wir im Besitz des Passierscheins für Dolpo, leider ist dieser aber erst in einer Woche gültig…
Um nicht mehr als die 500 Dollar für zehn Trekkingtage bezahlen zu müssen, hatten wir den Beginn unserer Wanderung in die Zukunft verlegt. Dabei waren wir davon ausgegangen, dass wir in den hochgelegenen Gebieten dicht an der tibetischen Grenze keinen Menschen treffen werden. Nach dem wir unseren Plan ja aber geändert hatten, sieht die Situation anders aus…
Bernd und ich beschließen rasch, dass wir kein Risiko eingehen wollen und daher nicht durch Chharka Both laufen werden, auch wenn der Weg natürlich durch das Dorf führt...
Zunächst können wir noch Pfaden folgen, die zu Feldern oder Weideplätzen auf unserer Seite des Flusses führen. Wir geben uns keine große Mühe nicht gesehen zu werden, da der Ort so weit entfernt ist, dass man nur  durch ein Fernglas feststellen könnte, dass hier zwei europäische Wanderer sich am Ort vorbei drücken…
Dennoch ist mir nicht wohl in meiner Haut. Es wäre schon blöd, wenn unsere Wanderung bereits am siebten Tag platzt...



                                          Chharka Both

Zu unserer großen Überraschung und Freude begegnen wir einem etwa 20- köpfigen Rudel Blauschafe, die wenig Angst vor uns zeigen.
Die Pfade werden immer schlechter und verschwinden schließlich ganz, so dass wir weglos entlang der  Hänge oberhalb des hier Chharka Khola genannten Flusses traversieren. Dabei überlasse ich Bernd die Führung, da dessen Fähigkeit die "Ideallinie" in weglosem Gelände zu finden, sehr ausgeprägt ist.



                   Weglos durch die Hänge oberhalb des Chharka Khola

Am liebsten wäre es uns, wenn wir unser Lager abseits des Flusses aufschlagen könnten, leider führt keiner der Seitenbäche Wasser, obwohl am Nachmittag einige Regentropfen fallen. Daher bleibt uns nichts anderes über, als zum Chharka Khola abzusteigen, wo wir auf etwa 4200 Meter Höhe unsere Zelte aufschlagen. Nachdem der Himmel aufklart, wird es ein richtig schöner Abend, bei 7 Grad Celsius, die sich erstaunlich mild anfühlen.

                                                 Lager am Chharka Khola

In der Nacht hat es wieder leicht gefroren. Wir denken, dass am Fluss wahrscheinlich bald unzugängliche Steilwände unseren Weg versperren würden, daher beschließen wir zurück in die Hänge aufzusteigen. Da wir es vermeiden wollen, den Chharka Khola zu durchwaten, ist unser Ziel eine in der Karte eingezeichnete Brücke.

                                                   Ein herrlicher Morgen am Chharka Khola

Nachdem die Schatten der Nacht verschwunden sind, können wir einen tollen Morgen mit fantastischem Fotolicht genießen. Einige Sträucher sind schon gelb verfärbt, bald wird auch hier der Herbst seinen Einzug halten.

                               Weglos oberhalb des Flusses


                                                          Kleine Pause

Irgendwann steigen wir ab zum Fluss, und folgen diesem zunächst problemlos weiter. Dann gelangen wir aber zu einer steil zum Chharka Khola abfallenden Wand. Entweder wir weichen wieder nach oben aus, oder wir verzichten darauf, die Brücke zu erreichen und suchen uns eine Stelle, an der der Fluss durchwatet werden kann. Laut unserer ansonsten guten Karte haben wir die Brücke längst passiert...Daher beschließen wir am Fluss entlang ein Stück zurück zu gehen. Von oben hatten wir eine Stelle ausgemacht, an der der Chharka Khola durchquerbar erscheint. Allerdings bin ich dann ziemlich erstaunt, als Bernd plötzlich den Fluss durchwatet. Obwohl das Wasser relativ tief ist, klappt das auch ohne Probleme. Dennoch ärgere ich mich, da wir über eine andere Stelle für die Überquerung gesprochen hatten, und ich denke, dass man wenn man zu zweit unterwegs ist, so wichtige Dinge immer vorher absprechen sollte.

                Wir durchwaten den Chharka Khola                       Foto: Bernd Looft                             

Was solls, nach kurzer Aussprache setzen wir unseren Weg fort. Allerdings kommen wir wiederum nicht recht weit, bevor die Uferböschung zu steil wird. Wir kehren um und finden schließlich doch eine Stelle, an der wir den zum Ufer steil abfallenden Hang erklimmen können.


                                 Wir verlassen den Chharka Khola

Weglos geht es weiter aufwärts durch die Hügel in Richtung des über 5000 Meter hohen Mola La, unserem nächsten Ziel. Das Gelände ist nicht zu steil, aber von zahlreichen Tälern durchschnitten und oft erstaunlich dicht mit Dornsträuchern bewachsen.


                                                 Weglos in Richtung Mola La

Das weitläufige Gelände scheint ein beliebtes Weideland zu sein. Ziegen und Yaks beleben die Landschaft. An mehreren Stellen können wir kleine Lager aus weißen Zelten ausmachen und treffen einige Kinder und Frauen, die das Vieh hüten.

                                   Begegnung auf dem Weg zum Mola La


                                Einige Zeltlager sind in den Hügeln verborgen

Ich mache mir Sorgen, da mein Partner fast ständig hustet und wir auch nur sehr langsam voran kommen. Hoffentlich wird Bernd nicht ernsthaft krank…
Schließlich erreichen wir den von Chharka Both kommenden Karawanenweg zum Mola La, auf dem das Wandern deutlich einfacher ist. An einer Stelle mit herrlicher Aussicht schlagen wir schon recht früh am Nachmittag unser nächstes Lager auf.



                                    Unterhalb des Mola La

Ich nutze die Gelegenheit mal wieder zu einem Spaziergang und erkunde schon mal den weiteren Anstieg zum Pass, der nicht mehr sehr weit entfernt zu sein scheint.
Obwohl es in der Nacht nicht friert, weht morgens ein scharfer, unangenehm kalter Wind. Zwar benötige ich vom Lager tatsächlich nur eine Stunde bis auf den 5030 Meter hohen Mola La, aber es ist dort oben noch so ungemütlich, dass ich rasch absteige. Als ich auf der anderen Seite ein Stück hinab gelangt bin, setzt die Sonne sich durch, es wird rasch angenehm warm, und ich kann mir Zeit nehmen, eine kleine Murmeltierkolonie in Ruhe zu beobachten. Jetzt, Mitte September sind die Tiere noch damit beschäftigt, sich ihren Wintervorrat anzulegen. Schon in nur zwei Wochen werden sie dann für Monate in ihren unterirdischen Bauen verschwunden sein.


                                                                  Murmeltiere

Irgendwann trifft auch Bernd ein, und wir setzen unseren Weg durch die weite Landschaft unterhalb des Passes fort.



                                           Oberlauf des Panjyang Khola

Bernd und ich kennen uns ja bereits recht gut, schließlich hatten wir ja schon eine gemeinsame Reise in Patagonien unternommen. Dennoch höre ich mir bei unseren Pausen die Geschichten aus seiner langen Reisekarriere immer wieder gerne an. So wusste ich bereits, dass er mal auf Neuguinea war, aber dass sein Aufenthalt dort viereinhalb Monate dauerte, war mir neu…
Bald gelangen wir in das Tal des Panjyang Khola, dem wir von nun an längere Zeit folgen sollten.

                               
Überall im Tal finden sich zahlreichen Hinweise auf die Anwesenheit großer Viehherden, aber heute sehen wir keine Nutztiere und begegnen auch nur einmal zwei Reitern, die ihre Ausrüstung in reich verzierten, ledernen Packtaschen verstaut haben.
Leider ist das schöne Wetter nicht von Dauer. Nachmittags bezieht sich der Himmel, es beginnt zu nieseln und die Donnerschläge eines Gewitters kommen immer näher. Wir denken es wird bald wieder aufhören zu regnen, statt dessen wird der Niederschlag heftiger. Dummerweise ziehen wir trotzdem unsere Regenhosen nicht an, und sind schon bald an den Beinen unangenehm durchnässt. Schließlich finden wir Unterschlupf bei einem überhängenden Felsen. Als der Regen nachlässt, marschieren wir weiter und schlagen nach knapp 20 Kilometern auf etwa 4250 Meter Höhe unser Nachtlager auf. Der gute Weg im Tal hat uns das heutige, rasche Vorankommen ermöglicht.
Überall am Weg stoßen wir auf auf Zeugnisse der buddhistischen Kultur: Gebetsfahnen, Manimauern die im Uhrzeigersinn umrundet werden sollen, sowie die Chorten genannten steinernen Stellen. In viele der Steine sind in tibetischer Sprache Verse eingraviert.


                             Wir stoßen auf viele Zeugnisse der buddhistischen Kultur

Am nächsten Morgen setzen wir unseren Weg talabwärts fort, und gelangen irgendwann auch in bevölkertere Bereiche.
        
                                  Weiter im Tal des Panjyang Khola

Nach den Ruinen von Chandang, deren eines Gebäude wie eine Burg mit vier Türmen wirkt, stoßen wir auf etliche schwarze und weiße Zelt, viele Ziegen, Pferde, Yaks und einige Hirten. Leider hat hier die Zivilisation auch schon ihren Einzug gehalten…

                          Weggeworfene Bierdosen sind das erste Zeichen der modernen Zivilisation


                           Tal bei den Ruinen von Chandang

Bei einer Pause besucht uns ein alte Mann mit einem eindrucksvollen Charakterkopf und redet unaufhörlich auf uns ein. Er scheint nicht zu verstehen, dass wir seiner Sprache leider nicht mächtig sind...



                               Was hat dieser alte Mann wohl schon alles erlebt?

Nach unseren Informationen gibt es in Tinje einen Kontrollposten. Da unsere Permits erst in vier Tagen gültig sind, möchten wir den Ort ebenso wie Chharka Both  umgehen. Daher laufen wir nicht direkt durch das Dorf, sondern durch die reifen Gerstefelder der Umgebung. Dennoch werden wir natürlich von einigen Leuten gesehen…
Zu unserer Verwunderung fahren manche junge Männer Moped, obwohl keine Straße hierher führt. Nun ja, auf Google Earth hatten wir bereits entdeckt, dass die Chinesen eine Piste bis unmittelbar an den Grenzpass gebaut haben. Wahrscheinlich gelangten die Motorräder auf dem Maultierrücken das letzte Stück bis hier her.
Obwohl so die moderne Welt auch hier langsam ihren Einzug halten wird, haben wir jetzt noch den Eindruck in alte Zeiten zurückversetzt worden zu sein. Alle Häuser sind im traditionellen Stil erbaut, das Korn wird mit der Sichel geschnitten und von den Frauen mit Flegeln gedroschen. Obwohl so ein Eindruck sicher täuschen kann, haben wir das Gefühl durch eine harmonische Kulturlandschaft zu wandern, in der freundliche Menschen zwar hart arbeiten, aber insgesamt einem langsameren Rhythmus als im Westen folgen.


                  Durch reife Gerstenfelder in der Umgebung von Tinje



                                      Tinje, ein traditionelles Dorf in Dolpo

Wir haben Glück, niemand hält uns an um unsere Papiere zu sehen…
Am Rand von Phalwa, einem kleinen Weiler, treffen wir auf eine tschechische Trekkinggruppe. Als wir uns mit einem Vater und seinem Sohn eine Zeit lang unterhalten, erfahren wir, dass die Gruppe gestern ein schwerer Schicksalsschlag ereilt hatte: Einer der Träger war an einem Herzschlag unterwegs verstorben.
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                                          Die Klosteranlage von Phalwa

Während wir weiter ziehen, haben wir noch einige Begegnungen mit den Menschen die hier leben. Die meisten Leute sind zurückhaltend und freundlich, allerdings treffen wir auch auf einige schmutzige, bettelnde Kinder. Hier eine Ausnahme, in den tiefer gelegenen Hindugegenden fast die Regel, wie wir im weiteren Verlauf der Wanderung feststellen sollten.

                                 Weiter durch das fruchtbare Tal


                               Frau bei der Ernte mit einer Sichel


                       Was sind das für Fremde?


                Die Frauen tragen das Futter für die Kleintiere mühsam auf dem Rücken ins Dorf

Schließlich verengt sich das Tal des Panjyan Khola wieder und wir lassen Felder und Häuser hinter uns.


                            Das Tal des Panjyan Khola verengt sich wieder

Unter einem mit einer Bruchsteinmauer zum Tal hin abgetrennten Überhang schlagen wir unser Lager auf, Bernd wie immer mit Zelt, ich dagegen nur mit Matte und Schlafsack. Wir haben heute, an Tag 10 unserer Wanderung  fast zwanzig Kilometer zurückgelegt und verbringen die Nacht auf 3900 Meter Höhe. Jeder fünfte Tag ist für mich ein Fest, da es dann ein Fertiggericht Käsespätzle gibt, wie immer aufgewertet durch 80 Gramm Butter…
Während ich mit den 3700 Kalorien am Tag, die auf unserem Speiseplan stehen, ganz gut zurecht komme, hat Bernd ein unerwartetes Problem. Mein Freund hat genau die selben Bestandteile für seinen Proviant wie ich gekauft. Leider hat er mittlerweile festgestellt, dass er Macadamia Nüsse nur in sehr kleinen Mengen essen kann. Zudem hat er auch ein Problem mit seinem Nussmüsli. In der Summe führt dies dazu, dass er etwa 1000 Kalorien pro Tag weniger als ich konsumiert...

Kommentare:

  1. Wie immer - sehr tolle und eindrucksvolle Bilder ;-) . Der Müll in den Bergen ist natürlich nicht so schön ...
    lg Christine

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  2. Danke Christine! Wie ich leider überall in der sogenannten Dritten Welt feststellen musste, gibt es fast nirgendwo das Bewusstsein, Müll nicht einfach in die Gegend zu werfen. O.K hat bei uns ja auch ein bischen gedauert, bis diese Einstellung quasi "Mainstream" wurde.

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  3. Thank you Gerald for your lovely photos and notes of this trek. My wife and I also trekked in Dolpo this year and track notes are at http://fedup.com.au/information/nepal/nepal-dolpo-track-notes in English.

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