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15.03.2017

Welt aus Granit- Auf dem GR 20 durch Korsika 1



Bereits seit vielen Jahren steht der GR 20 auf Korsika weit oben auf meiner gedachten Liste der Wanderwege, die ich gerne laufen möchte. Er soll einer der schönsten, aber auch schwierigsten Wanderwege Europas sein, und verläuft über 180 Kilometer durch das Hochgebirge im Inneren der französischen Mittelmeerinsel.
Eigentlich ist der Oktober mein Wunschmonat für diese Wanderung, mit herbstlichen Farben, oft noch sonnigem Wetter und nur wenigen anderen Besuchern. Leider finde ich zu dieser Zeit keinen billigen Flug aus Deutschland. Nun, da ich 2016 unbedingt auf den GR 20 möchte, entschließe ich mich unmittelbar nach meiner 2-monatigen Wanderung auf der Via Dinarica, mit lediglich einem Tag "Waschpause" in Marburg, nach Korsika zu fliegen...
Als ich nach eineinhalbstündigen Flug in Bastia ankomme, weiß ich noch nicht, wie ich zum nördlichen Startpunkt des Weges in Calenzana komme. 
Da es bereits Nacht ist, fährt kein Bus mehr. Einen Mietwagen zu nehmen wäre eine Option, aber mir zu teuer und umständlich. Erst einmal nach Bastia zu fahren um dort die Nacht zu verbringen, gefällt mir auch nicht wirklich, da die Stadt vom Flughafen noch ein ganzes Stück entfernt liegt, ausserdem in der falschen Richtung...
Kurzum verlasse ich ganz einfach den Flughafen und laufe ein Stück auf der Zufahrtsstraße, bevor ich mich ins Gebüsch schlage und die milde Nacht unter dem Sternenhimmel verbringe.
Noch vor Sonnenaufgang laufe ich einige Kilometer bis zum Abzweig der Straße nach Calvi. Dort kann ich mein Glück kaum fassen, bereits der erste Fahrer der vorbei kommt, nimmt mich mit bis Ponte Vecchia. Wie einige andere Leute auch, hole ich mir erst einmal ein Baguette. Kaum habe ich aufgegessen, erscheint ein Busfahrer, dessen leeres Gefährt an der Straße steht. Für lediglich 10 Euro nimmt mich Rachid mit bis zum Abzweig der Straße nach Calenzana, von wo es sofort mit einem weiteren Auto bis in den Ort geht. Unglaublich, schneller hätte ich meinen Trekkingstartpunkt kaum erreichen können!
Bereits um 10 Uhr kann ich starten. Ohne großartiges "Wanderportal" oder anderes Brimborium startet der berühmte Weg mitten im Ort.
Bereits nach kurzer Zeit gelange ich an die Stelle, wo der "Mare e Monti" Wanderweg Richtung Westküste abzweigt.

     "Mare e Monti" ist ein weiterer Fernwanderweg auf Korsika

Ich habe den kompletten Proviant für 13 Wandertage im Rucksack, daher beträgt mein Startgewicht inklusive 2 l Wasser 19 kg, nicht zu viel, wenn man bereits zwei Monate Wanderung hinter sich hat...
Auf einem schönen Weg geht es nicht zu steil stetig aufwärts, durch offenes Buschgelände, mit einigen hoch aufragenden Kiefern. Immer wieder ergeben sich Blicke zurück nach Calenzana und zum nahen Meer.


                   Zunächst verläuft der Weg durch offenes Buschland

Natürlich sind eine ganze Menge andere Wanderer ebenfalls unterwegs und bei einigen frage ich mich, ob sie diesen als schwierig geltenden Weg wirklich in Angriff nehmen wollen...
Aber natürlich sollte man auch hier nicht unterschätzen, wie weit man mit entschlossenem Willen kommen kann...
Nachdem der Pass Bocca Saltu auf 1250 Meter überquert ist, folgen einige leichte Kletterpassagen bei einer langen Hangtraverse. Dann und wann muss man hier sogar die Hände zur Hilfe nehmen. Allerdings zeigt sich schon jetzt, dass der griffige Granit auf Korsika die Sache ungemein erleichtert.
Schließlich erspähe ich unter mir das Refugio de l'Ortu. In seiner Umgebung stehen jede Menge Zelte, ein Anblick, der leicht abschreckend wirkt, für jemand der Einsamkeit und Wildnis sucht...
In dem Naturpark der sich über den ganzen Verlauf des GR 20 erstreckt, ist Zelten lediglich an den Hütten (Refuges) erlaubt. Angeblich wird dieses Verbot auch überwacht...


                       Auf dem Weg zum Refugio de l'Ortu

Na ja, für mich ist klar, dass ich mich nicht an dieses Verbot halten werde. Beim Wandern möchte ich komplett in die Natur eintauchen und dazu passt kein Massen- Zeltplatz.... Bei meiner Art zu Zelten hinterlasse ich keine Spuren und kann auch keine Beeinträchtigung der Natur erkennen. Allerdings würde das anders aussehen, wenn jeder hier wild Zelten würde. Allerdings sind auch die meisten Wanderer Herdentiere und benötigen ein wenig Komfort am Ende des Tages, sei es auch nur eine kalte Dusche, daher denke ich, dass selbst wenn man auf Korsika überall zelten dürfte, lediglich eine kleine Minderheit tatsächlich abseits der Refuges das Zelt aufschlagen würde.
Es ist ein milder, schöner Abend daher beschließe ich, ohne Nylondach auf meiner Isomatte unter den Sternen zu schlafen.



Biwak ohne Zelt


Bei einem abendlichen Spaziergang erlebe ich, wie die Sonne hinter den Bergen im Meer versinkt.




                                        Sonnenuntergang

Obwohl ich bereits zum Sonnenaufgang wieder unterwegs bin, dauert es nicht lange, bis mich die ersten Wanderer überholen, die offenbar im Schein ihrer Stirnlampen beim Refuge gestartet sind. Es gibt einen sehr bekannten Führer zum GR 20, der die Strecke in 16 Etappen aufteilt. Eine ganze Reihe von, vor allem französischen, jungen Männern die ich treffe, hat den Ehrgeiz, den Weg in der Hälfte der angegebenen Zeit zu laufen! Dazu tragen diese extrem durchtrainierten Leute zwar weder Zelt noch viel Verpflegung, dennoch ist es in diesem schwierigen Terrain eine echte Herausforderung so flott zu wandern.

Auch heute ist oftmals kein Weg zu erkennen, sondern man hangelt sich durch das felsige Terrain anhand der Markierungen weiter.


                             Korsikas Felsberge

Nachdem ich den Pass Bocca Innuminata auf 1865 Meter überquert habe, steige ich zum Refuge Carrozu ab.




                            Preise...

Ein Bier kostet hier 6 Euro!

Hinter der Hütte geht es ein Stück aufwärts bis zur Spasimata Schlucht. Glattpolierte Rutschen und tiefe Pools laden zum Baden ein. Einige Zeit lang folgt der Weg der Schlucht aufwärts. Die glatten Granitbänder können bei Nässe wahrscheinlich nicht ungefährlich sein, daher sind an einigen Stellen Drahtseile gespannt. Bei Trockenheit wie heute, ist der Aufstieg dagegen unproblematisch.





                                Spasimata Schlucht

Das Wetter ist nach wie vor schön und stabil, daher rolle ich wiederum lediglich meine Matte unter einem einzeln stehenden Ahorn abseits des Weges aus, und habe nach dem Essen noch Zeit für einen kleinen Abendspaziergang. Da ich auf Korsika nicht mit Holz kochen möchte und keinen Brennstoff tragen will, bleibt die Küche kalt. Erdnüsse mit Schmalz stehen auf dem Speiseplan...
Für die meisten Leute wahrscheinlich eher gewöhnungsbedürftig, aber energiereich...



                                  Abendspaziergang

Als ich langsamen Schrittes die Gegend erkunde, entdecke ich sogar einige Mufflons. Diese Wildschafart kam ursprünglich lediglich auf den Inseln Sardinien und Korsika vor, wo sie fast ausgerottet wurde. Allerdings wurden die hübschen Schafe als Jagdwild in vielen Ländern, so auch an einigen Stellen in Deutschland, angesiedelt. Inzwischen erholen sich die Bestände auf Korsika langsam wieder.



                                          Muffelschafe

Am nächsten Morgen dauert es nicht lange, bis ein junger, drahtiger Wanderer auftaucht. Amory aus Belgien will den GR 20 in 8 Tagen laufen und ist sehr schnell. Es ist interessant, den Weg aus der Perspektive des "Speedhikers" zu erleben, weshalb ich sein Tempo bis zum Muvrella Pass auf fast 2000 m halte. Allerdings ist mir diese Geschwindigkeit auf Dauer zu hoch. Nicht unbedingt wegen mangelnder Kondition, aber ich bleibe halt gerne öfter mal stehen, um Fotos zu machen oder ganz einfach die Szenerie in mich aufzunehmen.




                                     Schroffe Granitberge

Der Abstieg führt bis ins Asco Tal, wo es ein Refuge an der Straße gibt. Bis 2015 begann hier die "Königsetappe" des GR 20 durch den Cirque de la Solitude. Nachdem bei einem Erdrutsch aber einige Wanderer tödlich verunglückt waren, wurde die Route gesperrt und alle Sicherungen entfernt. Wie ich bald feststellen sollte, ist die "Alternativstrecke" aber auch sehr schön, zumal sie unmittelbar unterm Monte Cinto, dem mit 2706 Meter höchsten Berg Korsikas vorbei führt.

Doch zunächst genieße ich die herrlichen Kiefernwälder im oberen Asco Tal.


                                 Tolle Kiefernwälder

Unter einem wolkenlosen, strahlend blauen Himmel geht es durch das felsige Gelände weiter steil bergauf. An einigen Stellen erleichtern Stahlseile das Klettern, aber man benötigt sie nicht wirklich. Trotz der Höhe und der Kargheit der Felslandschaft beobachte ich zwei kämpfende Eidechsen. Schließlich erreiche ich einen Pass auf ca. 2600 Meter Höhe. Der massive Klotz des Monte Cinto wirkt ganz nah, aber mir ist klar, dass es noch eine ganze Zeit lang dauern würde, bis ich oben wäre.



                           Aufstieg zum höchsten Punkt des GR 20

Schließlich steige ich zur Bocca Crucetta ab, einem weiteren Pass auf 2452 m, der ebenfalls schöne Aussichten bietet.



                         Bocca Crucetta


Entfernt türmen sich einige Wolken auf, aber das Wetter scheint stabil zu sein.
Ein Stück unterhalb des Passes an einer ebenen Stelle, die offenbar schon häufiger zum Campen genutzt wurde, schlage ich mein Zelt auf. Mir ist bewusst, dass die Häringe in dem steinigen Boden nicht besonders gut verankert sind, dennoch unternehme ich keine Anstrengungen zusätzliche Felssicherungen zu installieren, das Wetter ist ja stabil...


                         Steiniger Zeltplatz unterhalb des Passes

Rechtzeitig zum Sonnenuntergang bin ich wieder oben, baue mein Stativ auf und genieße den ruhigen, farbenfrohen Abend.







                         Sonnenuntergang an der Bocca Crucetta

Trotz des warmen Tages beträgt die Temperatur lediglich noch 7 Grad, als ich mich ins Zelt begebe. Kurz vorm Einschlafen beginnt es überraschenderweise zu tröpfeln, woraus rasch ein heftiger Regen wird. Blöderweise gelingt es mir nicht, den Reißverschluss des Außenzeltes richtig zu schließen, weshalb sich bald eine Pfütze im Innenraum des Big Agnes bildet. Zu allem Überfluss kommt jetzt auch noch ein ausgewachsener Sturm auf, der zunehmend heftiger wird. Ich wundere mich, dass meine schlecht verankerten Häringe halten, obwohl sich die Zeltstange bereits heftig biegt. Aber bald werden die Zeltnägel einer nach dem anderen aus dem Boden gerissen und das Zelt kollabiert über mir. Mit wahnsinnigem Getöse flattert das Nylon im Wind. Bevor der Sturm die Zeltbahn zerfetzt, löse ich die Zeltstange aus ihrer Halterung, so dass der Stoff jetzt flach über mir liegt. Eigentlich ist mein dicker Schlafsack übertrieben warm für den September auf Korsika, aber jetzt bin ich sehr froh über die Wärme, die er mir trotz Sturm und Nässe um mich herum liefert...

Als es morgens langsam hell wird, hat der Regen zwar eine Pause eingelegt, aber es ist noch sehr windig und Nebel verhüllt die Landschaft.


                                       Nach dem Sturm

Nach Beginn des Abstiegs setzt bald wieder der Regen ein. Ich befürchte, dass die leichten Klettereien die auch hier bewältigt werden müssen, bei Nässe ziemlich unangenehm sind, aber der Granit erweist sich auch im nassen Zustand als ziemlich griffig.

Schließlich erreiche ich das Refuge Tighiettu, wo ich eine heiße Schokolade trinke. Es ist nicht besonders gemütlich dort und ich fühle mich nicht wirklich willkommen, also setze ich meinen Weg bald im Regen fort. An der Auberge de Vanone, einer privaten Bergerie (Schäferei), die auch Unterkunfts- und Zeltmöglichkeiten bietet, esse ich ein Omelette.
Bald danach tauche ich in einen herrlichen Kiefernwald ein, der im Dunst nach dem Regen geheimnisvoll und mystisch wirkt. Ich verlasse den Weg und laufe durch den Wald ins Tal hinab, auf der Suche nach einem guten Zeltplatz, an dem ich meine Sachen trocknen kann. In diesem steilen, felsigen Gelände ist es allerdings gar nicht so einfach, einen gute Stelle hierzu zu finden, doch schließlich kann ich meine Stoffbehausung oberhalb des Baches aufschlagen.


                          Ich trockne meine Sachen im Wald

Obwohl die Temperatur auch hier unten lediglich 12 Grad beträgt, fühle ich mich wohl in der Geborgenheit des Waldes. Mein Daunenschlafsack ist ziemlich feucht, daher hoffe ich sehr, dass die Federn nicht verklumpen und ihn dadurch unbrauchbar machen.

Allerdings habe ich Glück, dass wasserabweisende Außenmaterial hat das Schlimmste verhindert und der Schlafsack verliert nicht seine Isolationsfähigkeit.
Später unternehme ich noch einen Spaziergang durch den felsigen Kiefernwald, dessen brauner Nadelteppich meine Schritte dämpft.
Heute mal nicht Sonne und blauer Himmel, aber auch unter dem bedeckten Himmel finde ich es sehr schön in dem majestätischen Kiefernwald.
Am nächsten Morgen hängt der Dunst noch über den Gipfeln, aber es sieht nach einem schönen Tag aus.


                             Nur langsam gibt der Dunst die Berge frei


                            Vor dem Refuge Ciuttulu di Mori

Das Refuge Ciuttulu di Mori liegt auf fast 2000 Meter und eröffnet tolle Aussichten in die weite Umgebung. Jetzt am Vormittag sind kaum noch Gäste da.



                       Ausblick ins obere Golo Tal

Über die Serpentinen eines Pfades steige ich ins Golo Tal ab. Ein weiterer hübscher Granitfluss mit kleinen Wasserfällen, blanken Steinplatten und tiefen Pools. Offenbar ist das Tal ziemlich beliebt, da ich auch etliche Tagesausflügler treffe.



                         Im Golo Tal

Bei einer Bergerie kann man rasten.


                         Bergerie über dem Golo Tal

Durch schöne Kiefernwälder geht es weiter abwärts zur Straße am Col de Verghio. Zu meiner Überraschung treffe ich hier die beiden Schotten wieder, die ich am ersten Wandertag kennen gelernt habe.
In Gesellschaft zweier Norwegerinnen lassen sie sich das Menü im Restaurant des Hotels schmecken.
Nach Überquerung der Straße folgt einer der leichtesten Abschnitte des GR 20. Auf breiten Waldwegen gelange ich zügig wieder aufwärts. Hier sehe ich auch die ersten Buchen, nein es gibt nicht nur Kiefern auf Korsika...


                 Vom Wind geformte Buche

Nachdem ich die letzten Buchen hinter mir gelassen habe, wandere ich längere Zeit über einen langgezogenen Rücken bis zur Bocca u Reta auf 1883 Meter Höhe. Ständig ringen Nebel und Sonne um die Vorherrschaft, was interessante Stimmungen erzeugt. Schließlich steige ich ab zum Lac de Nino (1743 m). Der hübsche See liegt in einem weiten Tal voller feuchter Wiesen, ein Paradies für die korsischen Kühe, und wieder eine Landschaft die ganz anders ist, als die bisher durchquerten Berge Korsikas.
Versteckt auf einer kleinen Lichtung zwischen niedrigen Buchen finde ich einen herrlichen Lagerplatz mit Aussicht zum See.








                             Lac de Nino









   



























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