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29.10.2016

Via Dinarica - 1300 Kilometer durch die Berge des Balkan 4/ Kroatien/ Visevica




Am nächsten Morgen erwartet mich wieder die übliche Mischung aus Pfaden, Rückewegen und Forststraßen. Nach sieben Kilometern erreiche ich das Dorf Lic. Mein Proviant ist erschöpft, daher muss ich neues Essen einkaufen. Ich hatte befürchtet, dazu den benachbarten, größeren Ort Fuzine ansteuern zu müssen, aber freundliche Einheimische weisen mich darauf hin, dass es auch hier einen kleinen Laden gibt, der noch dazu direkt an der Via Dinarica liegt. Zu meiner Freude stellt sich heraus, dass der kleine Markt recht gut sortiert ist, sogar Müsli gibt es hier!




                                  Der kleine Laden in Lic


Kurz darauf sehe ich ein Schild mit der Aufschrift "Apartman". Offenbar kann man hier in einer Privatwohnung übernachten.
Auf einem kleinen Sträßchen und einem Feldweg geht es durch die weite Flur des Fuzine Tales. An einer Kirche vorbei, die einsam mitten in der Gras- und Buschlandschaft liegt, laufe ich auf das nächste, dicht bewaldete Mittelgebirge zu. Bevor ich wieder in die Welt der Bäume eintauche, schweift der Blick noch einmal zurück zum Berg Tuhobic und dem "Brennesselgrat"...
Das Waldgebiet um die Berge Visevica und Bitoraj, in dem ich den größten Teil der nächsten beiden Tage verbringe, ist ausgedehnt, sehr einsam und wunderschön! Zwar laufe ich zum Teil auf Forstwegen durch bewirtschafteten Wald, es gibt aber auch große Komplexe, die ziemlich unberührt sind und durch die sich schmale Pfade schlängeln. Weiße Felsen ragen in großer Zahl an vielen Stellen aus dem Boden, weshalb die Erschließung des siedlungsfernen Waldes schon immer schwierig war. Dieser Tatsache ist der häufig sehr naturnahe Zustand dieser Wälder zu verdanken. Obwohl ich wirklich begeistert von der Gegend bin und es auch markierte Wege gibt, treffe ich keine anderen Wanderer. Das liegt wahrscheinlich auch daran, dass die Berge hier nur um 1400 Meter hoch sind, und viele Leute daher wohl vermuten, dass es kaum spektakuläre Ausblicke gibt.


Schöne Pfade

                                                                             











                                Einige Wiesen sorgen für Abwechslung



                                                            Pfad zum Visevica

Gegen 15:30 habe ich den 1428 Meter hohen Gipfel des Visevica erreicht. Seine grasbewachsene Kuppe bietet ungehinderte Ausblicke in alle Richtungen. Während entfernt die Adria im Dunst liegt, sieht man sonst nur mit dichtem Grün überzogene Hügel. Hier auf dem Visevica, mitten in Europa, kann man tatsächlich das Gefühl haben, inmitten einer großen, unberührten Waldwildnis zu sein.


                                     Blick vom Visevica (1428 m)

Den Pfad, der von hier aus zunächst auf einem Grat weiter führt, hat freundlicherweise jemand vor kurzem frei gemäht! Das hätte ich am Tuhobic auch gerne gesehen!


                            Gemähter Weg



                                   Auf dem Grat


                          Schilder, aber keine Wanderer

Auch den Rest des Tages treffe ich keinen Menschen mehr und schlage schließlich mein Lager am Rand eines ausgedehnten Felslabyrinthes auf. Heute war ein toller Wandertag mit vielen spannenden Pfaden und als Höhpunkt der fantastische Aussichtsberg Visevica. 


                        Lager in der Felslandschaft

Später unternehme ich noch einen kleinen Erkundungsgang und sitze still an einen Felsen gelehnt um womöglich Tiere zu Gesicht, oder gar vor die Linse zu bekommen. Das ist zwar wenig erfolgreich, dennoch fühle ich mich in diesem einsamen Wald sehr wohl. 



                     Wer sieht mein Zelt?


                                  Abend im wilden Wald

Auch nach dem die Sonne hinter den Bergen als blutroter Ball versunken ist, ist es noch sehr warm, weshalb ich mein Überzelt weglasse und daher noch den Blick auf die Sterne genießen kann, bevor ich einschlummere...

Bevor ich am nächsten Morgen aufbreche, unternehme ich noch einen kleinen Pirschgang, bei dem ich zwei Stück Rotwild beobachte, aber nicht fotografieren kann. Leider gibt es hier auch Parasiten, so muss ich eine lästige Zecke von meinem Bein entfernen...
Bereits nach zwei Stunden habe ich am nächsten Morgen den 1385 Meter hohen Bitoraj erreicht. Dieser gewährt zwar nicht die tolle Rundumsicht des Visevica, dennoch ist es toll, in der klaren Luft des Morgens hier oben zu sein.


                               Auf dem Bitoraj

Beim Abstieg schlängelt sich eine kleine, schwarze Schlange unmittelbar vor mir über den Weg. Leider gelingt es mir nur noch ein kleines Stück von ihr zu fotografieren. Als ich mich ihr dann noch mal im Gras nähern will, zischt sie mich empört an...
Auch heute folgt der Track einem sehr unterschiedlichen Gemisch aus Wegen, von der gut ausgebauten Forststraße, bis zu völlig überwucherten, nicht mehr zu erkennenden Pfaden. Wenn da nicht immer wieder die runden Markierungen auftauchen würden, könnte man der Überzeugung sein, dass es hier nie einen Wanderweg gegeben hat...


                                Überwucherter Pfad am Bitoraj

Nachdem ich in dem ganzen, großen Waldgebiet noch kein Wasser gesehen hatte, gelange ich an einige Pfützen, oft voller Kaulquappen. In einer sehe ich ein ringelnatterähnliche Schlange, die aber eher die Farbe einer Blindschleiche hat. Die gelbe "Krone" lässt aber doch auf eine Ringelnatter schließen.


                                   Welche Schlange ist das?

An einem Forstweg treffe ich die ersten Menschen seit Lic. Die Familie ist mit einem kleinen Traktor unterwegs und macht hier ihr Brennholz. Der Vater spricht gut englisch, und will wissen, ob ich keine Angst vor den Bären habe. Erst letzte Woche habe er einen gesehen, und in den Wald würde er nie ohne Pfefferspray gehen...
Ehrlich gesagt habe ich überhaupt keine Angst vor den pelzigen Bewohnern dieser Wälder und bin fest davon überzeugt, dass die Petze uns viel mehr fürchten.
Allerdings sind ihre Spuren schon Ehrfurcht gebietend...


Bärenfährte

Durch abwechslungsreichen Wald, der immer wieder von Wiesen mit hohem Bewuchs unterbrochen wird, gelange ich zum 1085 Meter hohen Berg Celimbasa, der Blicke zurück zu dem Waldgebiet um Visevica und Bitoraj bietet.

                                      Blick vom Celimbasa

Obwohl ich denke, dass es nicht mehr weit bis zum Dorf Tuk ist, benötige ich doch noch einige Zeit. Je tiefer ich gelange, desto häufiger werden die Zeichen der ehemaligen Landbewirtschaftung, von Steinmauern bis zu mächtigen Hutebuchen. Heute ist der Wald dabei, sich sein ehemaliges Territorium zurück zu erobern. Eine Tatsache, die für viele Gebiete in Kroatien gilt, wo früher überall noch Vieh in den Bergen weidete, was aber schon seit langer Zeit nicht mehr der Fall ist.
Das Dörfchen Tuk wirkt auf mich zunächst fast ausgestorben- lediglich ein anhänglicher Hund folgt mir einige Zeit...Ich habe kein Wasser mehr, und bin daher glücklich, als ich zwei Männer vor einem Haus sehe, die ich nach dem wichtigen Nass fragen kann. Die beiden scheinen Italiener zu sein, die sich hier eine Art Wochenendhaus herrichten. Mit 4,5 Liter Wasser beladen, setze ich meinen Weg fort. In Tuk gibt es auch eine Hütte, in der man übernachten kann, die sich Bijele Stijene nennt. Aber das Wetter ist herrlich und mein Wasserproblem gelöst, daher setze ich meinen Weg fort.
Ein breiter Weg führt aus dem Tal heraus, auf ein Plateau mit herrlicher Wiesenlandschaft, die Matic Poljana. Es gefällt mir hier so gut, dass ich bald im Buchenwald am Rande eines Seitentales mein Lager aufschlage.

                             Matic Poljana

Nachdem ich gegessen habe, breche ich gegen 19 Uhr zu einem Abendspaziergang talabwärts auf. Ein Wachtelkönig, der bei uns extrem selten ist, ruft laut krächzend aus dem hohen Kraut, und einige Male beobachte ich ein Reh. Wunderbar, die breiten Wiesentäler, umgeben von sanften, hellgrünen Bergrücken. Einen Rehbock kann ich bis auf nächste Nähe anschleichen, und einige Male fotografieren.

                                           Rehbock

Einige Zeit lang sitze ich oberhalb eines weiteren Wiesentales. Nur die Insekten des Sommers summen, ansonsten ist es einsam und still.
Gegen 20 Uhr bin ich bereits auf dem Rückweg, als ich am Waldrand eine Bewegung wahr nehme. Zunächst denke ich an ein Wildschwein. Aber als ich durch die Linse meiner Kamera blicke, ist mir gleich klar, das ist ein Bär und zwar ein großer!

                       Ein Bär erscheint am Waldrand

Der Braunbär ist etwa 150 Meter entfernt und hat mich noch nicht bemerkt. In aller Seelenruhe taucht er seine Schnauze ins Gras und frisst wahrscheinlich Wurzeln und Kräuter.
























                   Der Bär frisst auf der Wiese

Manchmal blickt er auch in meine Richtung...

                    Hat er mich bemerkt?


Ich nehme an, dass ich ein großes, altes, einsames Bärenmännchen vor mir habe, dass alleine unterwegs ist. Bären fressen zwar auch Fleisch und Fische, aber ein großer Teil ihrer Kost ist vegetarisch.
Nach einigen Minuten scheint der Wind sich gedreht zu haben, der Bär bemerkt mich, und trollt umgehend zurück in den Wald. Zwar habe ich gewusst, dass die Bären hier leben, dennoch kommt es sicher sehr selten vor, dass man einen Braunbären in Europa bei gutem Licht so lange beobachten kann. Ein faszinierendes Erlebnis, dass noch lange in mir nach wirkt!

Während die Täler bereits im Schatten liegen, werden die umliegenden Hügel von den letzten Sonnenstrahlen zum Leuchten gebracht.

                Die untergehende Sonne lässt die Hügel leuchten

Ein Neuntöter zeigt wenig Scheu, und ich kann den Würger, der Insekten im Flug von seiner Ansitzwarte aus erbeutet, gut fotografieren. Dieser Vogel legt sogar Vorratskammern an, indem er Insekten auf Dornen spießt!

                                Neuntöter

Bevor ich zurück in den Wald eintauche um zu meinem Zelt zu gelangen, genieße ich noch einmal den Blick in das abendliche Wiesental.

                         Das Tal bei meinem Lager

Heute war wieder ein fantastischer Tag, mit der Bärenbeobachtung als Krönung!













Kommentare:

  1. Sehr beeindruckend, was du unternimmst, dafür erst einmal ein großes "Wow". Unglaublich, was für eine (positive) Einsamkeit und Natur du dort genießen darfst - und die Begegnung mit dem Bären war bestimmt einmalig. Obwohl mir dabei das Herz sicherlich in die Hose gerutscht wäre ;-) Ich wünsche dir weiterhin alles Gute und viele tolle Erlebnisse auf deiner Tour.

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  2. Vielen Dank für deinen Kommentar, Katja! Ja, die Begegnung mit dem Bären war wirklich fantastisch. Ich bin auch jetzt noch ganz begeistert von der Via Dinarica. Schön, dass es so schöne, und auch wilde Naturgebiete gar nicht so weit von uns entfernt gibt!

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