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14.12.2013

Mit dem Einbaum durch das Okavangodelta 1990

Maun, eine staubige Kleinstadt, ist mit seinen Geschäften, Hotels, Tankstellen und sogar einem Flughafen der wichtigste Ort am Okavango Delta. Es gibt hier allerdings keine Zeltmöglichkeit, und so mache ich mich auf den Weg zur elf Kilometer außerhalb der Stadt gelegenen Island Safari Lodge. Ich habe Glück, nach kurzer Zeit hält ein weißes Lehrerehepaar und nimmt mich mit. Der trockene Dornbusch, durch den wir fahren, wirkt abweisend und leblos.

Glücklicherweise kennen sich die Beiden aus, denn kein Schild lässt darauf schließen, welche der zahlreichen Fahrspuren im roten Sand die Richtige ist. Irgendwann stehen wir vor der Lodge. Der Gegensatz zwischen der durchfahrenen Landschaft und dem, was wir hier sehen könnte kaum größer sein. Runde rietgedeckte Hütten stehen inmitten eines parkartigen Geländes auf dem sich hohe Bäume und blühende Sträucher abwechseln. Scharen gelber Webervögel singen in den Büschen. Das staubige Grau des Dornbusches wird hier durch kräftig grüne Farben ersetzt. Diese Oase wird von dem am Rand des Grundstücks dahinströmendem Thamalakane geschaffen. Dieser etwa hundert Meter breite Fluss ist ein Ausläufer des Deltas.

Die von Weißen betriebene Lodge ist ein beliebter Ausgangspunkt für Touren in die Sümpfe. Man kann sowohl in den mit hotelmäßigem Komfort ausgestatteten Pavillons wohnen, als auch zelten, was ich vorziehe.

An der Rezeption erfahre ich, dass es bei dem jetzigen Wasserstand möglich ist von hier aus per Boot nach Shakawe, einem Ort am anderen Ende des Deltas, zu gelangen. Allerdings kennen die Leute an der Rezeption niemanden, der ein Wasserfahrzeug zu verkaufen hat. Es ist zwar möglich für kurze Ausflüge Kanus zu mieten, jedoch nicht über mehrere Wochen. Das wäre auch viel zu teuer für mich.

Nun ja, ich habe mein erstes Ziel ohne Probleme erreicht, und es wird sich sicher eine Lösung finden, um ins Delta zu gelangen. Fürs erste genieße ich die exotische Umgebung. Während ich über einem Holzfeuer in meinem kleinen Topf eine Tütensuppe koche, sehe ich den grünen Meerkatzen zu, die im Camp umherflitzen. Einer der vorwitzigen Affen klaut einen zum Trocknen aufgehängten Bikini. Dessen Besitzerin läuft aufgeregt hinter ihm her, um ihr Textil zurückzugewinnen. Später lerne ich ein Pärchen aus München kennen. Die beiden studieren Betriebswirtschaft, betreiben aber nebenbei eine EDV-Firma, so dass sie es sich leisten können per VW-Bus von Nairobi nach Südafrika zu fahren.

Wir sitzen am Feuer, lassen die Abendstimmung auf uns wirken, und ich lausche den Afrikaerzählungen der beiden. Bevor wir schlafen gehen, schenken sie mir eine Vorratskiste aus hartem Schaumstoff, die sie nicht mehr benötigen. Sie sollte mir noch gute Dienste leisten.

Am nächsten Tag gehe ich auf Bootssuche. Zunächst frage ich den Wachmann der Lodge. Er hat die Nacht an einem glimmenden Holzfeuer auf dem Gelände verbracht. Der Schwarze empfiehlt mir, mich an einen Fischer zu wenden, der seinen Fang regelmäßig an die Lodge verkauft. Ich habe den Mann bald gefunden. Er rät mir, es bei der am anderen Ufer des Thamalakane gelegenen Okavango River Lodge zu probieren. Freundlicherweise setzt er mich gleich mit seinem Einbaum über. Diese hier Mokoro genannten Boote, werden in wochenlanger Arbeit mit der Axt aus einer Art von Ebenholz ausgehauen. Da der Wasserstand im Delta häufig niedrig ist, werden sie nicht gerudert, sondern mit einer langen Stange gestakt. Dabei steht der Bootsmann im Heck.


In der etwas weniger schön gelegenen Lodge erfahre ich nichts Neues, kann allerdings die Mietkanus in Augenschein nehmen.

Ganz in der Nähe liegt ein Dorf. Ich gehe hin und frage die vor ihren Hütten sitzenden Leute nach einem Bootsbesitzer. Zunächst versteht mich niemand. Dann treffe ich einen Jungen der in der Schule Englisch lernt und mich zu einem Mokoroeigentümer bringen will. Nach einigem Suchen finden wir unseren Mann, der auf den ersten Blick allerdings nicht sehr vertrauenerweckend wirkt. Er ist um die zwanzig, nur ca. 1,60 m groß, kräftig gebaut und hat eine schiefe Hüfte, weshalb er sich auf einen Stock stützt. Ubu, so heißt er, spricht kein Englisch. Daher verhandele ich mit seinem etwa 14-jährigen Bruder.  Ubu will sein Boot nicht verkaufen, da er vom Fischen lebt. Außerdem stelle ich mir es ziemlich schwierig vor einen Mokoro zu steuern. Also frage ich, ob er bereit ist eine dreiwöchige Tour mit mir durchs Delta zu unternehmen. Ubu ist zunächst geschockt über die lange Zeit, die er fern von Zuhause verbringen soll, wittert dann aber ein gutes Geschäft. Für 20 Pula pro Tag will er mich begleiten. Diese Summe erscheint mir zu hoch, und wir handeln eine Zeit lang hin und her, bis wir uns auf die Hälfte einigen. Dann möchte ich das Boot sehen und eine Probefahrt machen. Der Mokoro liegt versteckt am Ufer des Flusses und macht ebenfalls keinen vertrauenerweckenden Eindruck, denn er steht halb voll Wasser. Das ist allerdings normal, fast alle Mokoros sind undicht, so dass kein Grund zur Sorge besteht. Ubu schöpft das Wasser mit einer leeren Konservenbüchse aus und bedeckt den Boden mit Schilfmatten. Dann stechen wir in See, zurück zur Island Safari Lodge. Ich muss mich zunächst daran gewöhnen, dass hastige Bewegungen sofort zum Schwanken des Bootes führen. Ansonsten verläuft die Jungfernfahrt glatt, und ich bin zufrieden.

Obwohl es Sonntag ist, haben die Läden in Maun geöffnet. Daher beschließen wir Vorräte einzukaufen, um schon Morgen losfahren zu können. Wir machen uns bepackt mit der Kiste, die mir die Münchener geschenkt haben, auf den Weg. Schon nach wenigen Schritten bemerke ich wie Ubu sich mit seiner Hüfte quält. Daher sage ich, dass er ruhig zurückgehen kann und gehe mit seinem Bruder weiter. Wir haben Glück, bald hält ein Wagen und setzt uns vor einem Supermarkt in Maun ab. Das Warenangebot ist reichhaltig, der Laden könnte auch in Deutschland stehen. Ich bin noch zu unerfahren, daher komme ich nicht auf die Idee etwas von dem hiesigen Hauptnahrungsmittel Maismehl einzukaufen. Stattdessen kaufe ich europäische Produkte wie Nudeln, Tütensuppen, Hartkeks, Tee u.s.w. ein. Außerdem habe ich keine genaue Vorstellung von der Menge die zwei Leute auf einer dreiwöchigen Fahrt ohne Einkaufsmöglichkeit benötigen. Ubus Bruder kann mir natürlich auch wenig helfen. Er vertraut meinem Wissen, und findet alles gut, was ich einkaufe.

Nachdem ich mich von meinem jungen Begleiter verabschiedet habe, gehe ich nachmittags noch etwas am Thamalakane spazieren, wobei ich einen ersten Eindruck von der Vielfalt der hier lebenden Vögel kriege. Eines der charakteristischen Geräusche im Delta ist der melodische Ruf des Schreiseeadlers. Einmal beobachte ich ein Paar dieser in Dauerehe lebenden Vögel auf ihrem Horst, der sich hoch oben in einem Baum dicht am Wasser befindet. Graziöse, entengroße Blatthühnchen stolzieren mit Hilfe ihrer langen Zehen auf der Suche nach Insekten über Seerosenblätter. Weidende Rinder tragen weiße Kuhreiher umher. Die Reiher nutzen ihre Sitzplätze, um vom Vieh aufgescheuchte Kleintiere zu erbeuten. Auf einzelnen Dornbüschen sitzen bunte Eisvogelverwandte, wie Gabelracke und Zwergspint. Sie starten von hier zu ihren schnellen Jagden auf Fluginsekten. Bei den Kleinvögeln fallen mir besonders die Glanzstare mit ihrem metallischen Gefieder auf.

Ich habe ein mit Fotos illustriertes Bestimmungsbuch aus Deutschland mitgebracht, in dem ich blättere, wenn ich wieder einen "neuen" Vogel sehe. Allerdings schlage ich nach kurzer Zeit nur noch bei besonders auffälligen Arten nach, da ich sonst vor lauter Bestimmen kaum noch zum Beobachten käme.

Ubu erscheint pünktlich am nächsten Morgen. Sein Gepäck besteht lediglich aus einem kleinen blauen Stoffrucksack und seinem Fischnetz, das mitzunehmen ich ihn gebeten hatte.

Wir beladen den mit vier Meter Länge und achtzig Zentimeter Breite ziemlich geräumigen Mokoro und schon sind wir unterwegs. Ich fühle mich, wie einer der frühen Afrikaforscher beim Aufbruch zu einer Entdeckungsfahrt in unbekanntes Gebiet. Noch 1911 schrieb der deutsche Hauptmann Streitwolf in sein Tagebuch, dass es noch niemandem gelungen sei das Okavango Delta zu durchqueren. Spannung und Vorfreude erfüllt mich, und ich bin glücklich, dass das Unternehmen nach allen Vorbereitungen endlich beginnt.

Ich sitze in der Mitte des Bootes, mit dem Rücken zur Proviantkiste, während Ubu vom Heck aus den Mokoro mit einer etwa drei Meter langen Stange durch das tiefe Wasser des Thamalakane stakt. Nach kurzer Zeit biegen wir nach Norden in den Borofluß ein. Ein kleines Teilstück seines Laufes wurde ausgebaut, um Wasser für die Orapa-Diamantenmine abzuleiten. Pläne für weitere Kanalisierungsmaßnahmen und den Bau zweier Stauseen liegen vor. Die ökologischen Folgen wären unabsehbar. Wasser ist hier scheinbar im Überfluss vorhanden ist und ein Großteil davon verdunstet ohnehin ungenutzt. Dennoch können schon geringe Wasserhaushaltsänderungen das in Jahrtausenden gewachsene System von Anpassungen an regelmäßige Überflutungen und periodisches Trockenfallen nachhaltig stören. Glücklicherweise scheint es aber, dass die botswanische Regierung das Vorhaben nicht weiter verfolgt. Dagegen gibt es mittlerweile Pläne Namibias, den Okavango zu nutzen. Der Fluß bildet stellenweise die Grenze zwischen Botswanas westlichem Nachbarn und Angola. Hoffentlich werden auch diese Vorhaben zum Gunste der Natur ad acta gelegt.

Bis nach Mittag fahren wir durch mit Büschen und Baumgruppen, sowie vereinzelten Ansiedlungen durchsetztes Weideland.

Als ich während der Mittagsrast Wasser über dem Feuer abkoche, sieht Ubu verständnislos zu. Vielleicht hat er sogar recht mit seiner Skepsis, denn das Wasser im Delta ist sehr klar und angeblich frei von Krankheitserregern. Selbst die sonst in Afrika weit verbreitete Bilharziose, eine durch winzige, im Wasser lebende Saugwürmer hervorgerufene parasitäre Krankheit, gibt es hier nicht. Daher kann man das Wasser im Delta bedenkenlos trinken, habe ich gelesen und von Michael Botha gehört. Allerdings halte ich es hier, in der Nähe von Siedlungen, für besser, das Wasser durch Kochen zu desinfizieren.

Am späten Nachmittag verbreitert sich der Boro und schließlich liegt eine unabsehbare Schilffläche vor uns. Das eigentliche Delta beginnt!

Der Okavango ist der drittgrößte Fluß im südlichen Afrika. Er entspringt in den Bergen Angolas und versickert nach 1600 Kilometern im Sand der Kalahari. Hier bildet er ein riesiges Binnendelta von 16 000 qkm Größe, eines der bedeutendsten Feuchtgebiete der Erde. Der Wasserstand im Delta ist von den im Quellgebiet fallenden Niederschlägen abhängig, die Botswana erst 6 Monate später erreichen. Alles Leben ist den Pegelschwankungen angepasst: Die Brutzeiten der Vögel, Wanderungen der Säugetiere und auch das Wachstum der Pflanzen.

Bisher war es einfach dem Boro zu folgen, nun aber gabelt sich der Fluss häufig in eine Vielzahl von Wasserläufen. Ich habe zwar eine grobe Karte und meinen Kompass vor mir liegen, aber wegen der vielen Windungen ist es kaum möglich die weitere Fließrichtung zu bestimmen, und sich so für den richtigen Arm an einer Gabelung zu entscheiden. Ubus Bruder erzählte mir gestern, dass sie beim Fischen nie besonders weit ins Delta fahren. Daher kennt mein Bootsmann sich hier auch schon nicht mehr aus. Obwohl ich oft ratlos und unsicher bin, zögert Ubu keinen Augenblick, sondern stakt unbeirrt weiter. Woher diese Sicherheit kommt, die uns auch im weiteren Verlauf der Reise nur selten Irrwege einschlagen lässt, weiß ich nicht. Wahrscheinlich drückt sich hierin die Intuition eines noch eng mit der Natur verbundenem Menschen aus.

Unser Nachtlager schlagen wir auf einer winzigen Palmeninsel im Schilfmeer auf. Ich schlage vor das Fischnetz auszulegen. Zunächst sträubt Ubu sich, da er meint, dass sich der Fang hier nicht lohnt. Schließlich gelingt es mir ihn zu überreden, und wir machen das Netz an zwei in den Schlamm gerammten Stöcken fest. Schon nach einer Stunde zappeln drei Fische in den Maschen, wodurch die Abendmahlzeit gesichert ist. Ubu beginnt die Tiere auszunehmen, ohne sie vorher zu töten. Er sieht keinen Sinn darin den Fischen Schmerzen zu ersparen. Dieser Einstellung gegenüber tierischem Leid sollte ich noch häufiger in Afrika begegnen. Natürlich will man, dass die Quälerei aufhört. Trotzdem denke ich, dass ein Europäer, der sich jederzeit mit Lebenmitteln versorgen kann, zu deren Herstellung er keinen Beitrag geleistet hat, nicht berechtigt ist, Kritik an Menschen zu üben, die ihre Nahrung noch unmittelbar aus der Natur gewinnen. Dennoch zeige ich Ubu, wie man die Fische vor dem Ausnehmen durch einen Schlag hinter den Kopf schnell töten kann. Daraufhin wendet auch er diese Methode an. Später spieße ich meinen Fisch auf ein angespitztes Stöckchen und halte ihn zum Grillen über das Feuer. Ubu sieht dem nur verständnislos zu. Er hat eine andere, unkompliziertere Zubereitungsart: Seinen Fisch legt er an den Rand der Glut, dreht ihn nach einiger Zeit und kratzt schließlich die äußere, verkohlte Haut ab. Das darunter liegende Fleisch ist weiß, unversehrt und schmeckt ausgezeichnet. Da Ubus Methode viel schneller ist als meine, lasse ich mich überzeugen und behandle meine Fische für den Rest der Reise genauso.

Sobald die Sonne untergegangen ist, beginnt ein wie Glockengeläut klingendes Konzert, aus tausenden von Unkenkehlen, was ganz eigenartig klingt. Wir sitzen noch einige Zeit am Feuer, und ich genieße die Stimmung meiner ersten Nacht in afrikanischer Wildnis. Zum Schlafen gehe ich aus Angst vor Malariamücken ins Zelt. Dagegen legt Ubu sich in Decken gehüllt ans Feuer. Meine Moskitoangst ist aber unbegründet. Offenbar gibt es jetzt am Ende der Trockenzeit kaum welche von ihnen. Während der ganzen Fahrt brauchen wir keinen Mückenschutz. Ohne Zweifel sieht das in anderen Monaten ganz anders aus, denn selbstverständlich sind die Sümpfe eine hervorragende Moskitobrutstätte.

Am nächsten Morgen hängen elf Fische verschiedener Art und Größe im Netz. Da wir nicht alle essen und wegen der Hitze auch nicht lange aufbewahren können, lassen wir die Größten wieder schwimmen. Nach Ubus Gesten zu urteilen, schmecken sie weniger gut. Der Rest stellt unseren wesentlichen Proviant für den Tag dar. So sollte es die ganze Reise gehen. Zu allen Mahlzeiten gegrillten Fisch, der manchmal durch Nudeln, Suppen oder Knäckebrot mit Marmelade, ergänzt wird. Glücklicherweise wurden wir den Fisch nicht leid, denn die gekauften Vorräte hätten maximal für die Hälfte der Reise ausgereicht!

Nachdem wir wieder auf dem Wasser sind, gleiten wir durch eine abwechslungsreiche Landschaft. Palmenbestandene Eilande an stillen Lagunen können einen in den Glauben versetzen in der Südsee zu sein. Andere Inseln werden von einem Kranz knorriger Bäume mit dunkler Rinde eingefasst. Weite Schilffelder sind manchmal von Wasserlilienteppichen unterbrochen. Nur selten passieren wir kleine Ansiedlungen aus reetgedeckten Hütten. Manchmal wird die Stille von herannahenden Motorbooten gestört, die Touristen zu tiefer im Delta liegenden Lodges bringen.

Plötzlich signalisiert mir Ubu in Zeichensprache, an Land zu gehen. Hier im Palmenwald einer Insel waren vor kurzem Elefanten. Überall liegen umgebrochene Stämme, und wir sehen viele frische Kothaufen. Ich beschließe die Dickhäuter zu suchen. Auf einer offenen Fläche begegnen uns zwei Litschi-Antilopen. Beide sind kastanienbraun und etwa so groß wie unser Rotwild. Das Männchen trägt leierförmige Hörner. Dann sind wir wieder im Wald. Oft bleibe ich stehen um auf Ubu zu warten, der wegen seiner Behinderung nur schwer vorwärts kommt. Bei einer dieser Pausen nehme ich eine Bewegung am gegenüberliegenden, vielleicht 300 Meter entfernten Waldrand wahr. Elefanten! Ich gebe Ubu ein Zeichen, lege mich hin und beobachte die Tiere durch mein kleines, handliches Fernglas, das ich stets dabeihabe. Das Rudel besteht aus einer Kuh und fünfzehn jüngeren Tieren verschiedenen Alters. Sie bewegen sich kaum und fressen manchmal etwas Laub, das sie mit ihren Rüsseln zum Mund führen. Ein Elefant drückt mit seinem Schädel gegen eine Palme bis sie umstürzt. Er tut dies, um an die reifen Palmnüsse zu gelangen, die offenbar einen besonderen Leckerbissen darstellen. Hierdurch können ziemliche Zerstörungen entstehen, wie uns die zahlreichen, umgebrochenen Stämme gezeigt haben. Diese schaden dem Ökosystem aber nicht, wenn der Lebensraum der Elefanten groß genug ist, um ständige Wanderungen zu erlauben. Wo die Tiere sich aber nicht mehr in natürlicher Weise verteilen können, bewirken sie in kurzer Zeit große Landschaftsveränderungen. Ein Beispiel hierfür ist Kenias Tsavo Nationalpark, der in den 70er Jahren von einer bewaldeten Savanne zu einer staubigen Steppe umgewandelt wurde. Hierbei spielte die Trockenheit aber auch eine große Rolle.

Auch Ubu, der inzwischen neben mir liegt, ist von dem Schauspiel fasziniert. Immer wieder stößt er mich an, damit ich ihn durch das Fernglas schauen lasse. Neben den Elefanten sehen wir von unserem Beobachtungsplatz ein weiteres ungewöhnliches Tier. Es handelt sich um einen 1,6 Meter großen Sattelstorch, der im Gras auf Beutefang ist. Sein typisches Kennzeichen ist der mächtige, rot-schwarz-gelbe Schnabel.

Nach einiger Zeit haben wir uns satt gesehen und gehen zurück zum Boot. Bis jetzt hat Ubu den Mokoro allein gestakt, während ich in der Mitte des Bootes sitzend die Landschaft betrachte und Vögel beobachte. Irgendwann wird mir diese ungleiche Rollenverteilung zu dumm, und ich beschließe Ubu zu helfen. Also richte ich mich vorsichtig auf, um das Boot nicht zum Umstürzen zu bringen, greife nach unserer langen Reservestange und beginne ebenfalls zu staken. Das Gleichgewicht halten klappt erstaunlich gut, und schon bald fühle ich mich sicher auf den Beinen. Der ausschlaggebende Faktor für unsere Fahrgeschwindigkeit ist die Wassertiefe. Dort wo der Pegel niedrig ist können wir uns gut vom Boden abstoßen und schießen förmlich dahin. Dagegen machen wir kaum Fahrt, wo das Wasser tief ist und die Stangen daher fast vollständig eintauchen. Es ist erstaunlich, wie schnell und häufig sich die Bedingungen ändern. Am besten kommen wir voran, wenn wir im gleichen Takt arbeiten. Doch oft stoßen wir ungleichmäßig ab, so daß Ubu die Richtung korrigieren muss.

Nachdem wir unser Nachtlager aufgeschlagen haben, gehe ich noch etwas spazieren. Häufig sehe ich die hohen Lehmbauten der Termiten, die eine Art Wahrzeichen der Savanne darstellen. Im lichten Akazienwald lerne ich einen auffälligen Vogel kennen. Er ist zwar nur taubengroß und eher unscheinbar, dafür ist sein keckender Warnruf unvergesslich für jeden, der ihn einmal gehört hat. Der Graulärmvogel hat den Beinamen "Go Away Bird", da er mit seinen Rufen, ähnlich wie die Eichelhäher in Deutschland, das Wild vor einem sich nähernden Jäger warnt.

Als die Sonne untergegangen ist, sehen wir vom Lagerfeuer aus zahlreiche Leuchtkäfer in der Dunkelheit aufblitzen und genießen das Schauspiel des klaren, südlichen Sternenhimmels einer afrikanischen Nacht.

Am nächsten Tag kreuzen zum ersten Mal Flusspferde unseren Weg. Ubu hört plötzlich auf zu staken und deutet mit dem Arm auf die Wasserfläche vor uns. Zunächst fällt mir nichts weiter auf, doch dann entdecke ich Augen und Schädel zweier Flusspferde zwischen den Wasserlilien. Es ist ein merkwürdiges Gefühl, als die beiden wegtauchen und wir nicht wissen, wo sie wieder hochkommen. Offenbar haben sie aber mehr Angst vor uns, als wir vor ihnen. Wenn sie nach etwa einer Minute auftauchen, sind sie stets weiter entfernt. Leider kommen sie aber nicht weiter aus dem Wasser, obwohl wir uns ruhig verhalten.

Dafür begleiten uns heute auf weiten Strecken zahlreiche Litschi-Antilopen, die in Rudeln von bis zu zwanzig Stück auf den flach überschwemmten Uferwiesen stehen und Gräser fressen. Auch an Vögeln mangelt es nicht. Neben den allgegenwärtigen Graufischern, sehen wir manchmal einen Zwergeisvogel, wie einen funkelnden Diamanten pfeilschnell vorbeifliegen. Einmal begegnet uns ein Motorboot, mit dem ein Händler die verstreut im Delta liegenden Fischersiedlungen anfährt. Wir sind froh, als wir hören, dass wir den Boro noch nicht verloren haben.

Abends schlagen wir unser Lager im Galeriewald auf. Zwei Büffelschädel weisen darauf hin, dass hier vor uns einmal Jäger waren. Im Grenzbereich zwischen Wald und Savanne gibt es viele interessante Vögel zu sehen. Kolibriähnliche, verschiedenfarbige Nektarvögel, die sich trotz ihres Namens von Insekten ernähren, Baumhopfe, braun-weiße Sporenkuckucke, verschiedene Würger- und Taubenarten, deren monoton gurrender Gesang gut zur Stimmung des friedlich im Abendlicht daliegenden Busches passt. In der Nacht hören wir zum ersten Mal die Hyänen. Ihre Geräusche klingen wie irres Gelächter und gehen durch Mark und Bein.

Wir sind noch nicht lange unterwegs, als wir am nächsten Morgen eine offene Wasserfläche abseits des Boro entdecken. Der Name der Lagune ist laut meiner Karte Nxaraga Lediba. Der im Durchmesser zweihundert Meter breite See liegt am Rand von Chief's Island, der größten Insel im Delta, die ich von hier aus zu Fuß erkunden möchte. Als wir aus dem Schilf auf das offene Wasser gelangen, weiß ich, dass wir kaum einen besseren Platz für unser Camp finden können. In der Mitte des Sees ragt kaum sichtbar der Kopf eines Reptils aus dem Wasser. Wir sollten unser "Hauskrokodil" in den nächsten Tagen noch häufiger sehen. In den Uferbäumen sitzt eine Horde gelber Paviane, die sich lärmend zurückziehen, als wir an Land gehen. Wir finden einen idyllischen Lagerplatz am Waldrand, mit Blick auf die Lagune. Nachdem wir das Netz ausgelegt und gegessen haben, breche ich zu einem vermeintlich kurzen Spaziergang auf. Zunächst durchquere ich den dichten Galeriewald, der unmittelbar am Ufer beginnt. Bald stoße ich auf die Pavianhorde. Es ist aber schwierig sie durch das Buschwerk zu beobachten, obwohl ich ständig ihr Geschnatter höre. Landeinwärts erstrecken sich mit gelbem Steppengras bewachsene sonnendurchglühte Ebenen über denen bunte Zwergspinte im Flug Insekten fangen. Sie werden von kleinen Waldinseln in den Senken unterbrochen. Schon kleine Niveauunterschiede im Gelände verhelfen den Wurzeln der durstigen Bäume zum Grundwasseranschluss, wodurch sich eine üppige Vegetation entfalten kann. Manchmal gibt es sogar reine Palmenwälder im Übergang zu schilfbestandenen Sümpfen. Auf einer saftig grünen Rasenfläche, die vor kurzem noch überschwemmt war, sehe ich eine Herde von etwa zwanzig Ellipsen-Wasserböcken. Sie haben ihren Namen von der weißen halbmondförmigen Zeichnung am Hinterleib, welche sie von den ansonsten gleich aussehenden Defassa-Wasserböcken unterscheidet. Diese massigen Antilopen fressen an Land, flüchten bei Gefahr aber stets ins Wasser. Ein Männchen sieht mit seinen hohen, leicht konvex nach vorn gebogenen Hörnern sehr eindrucksvoll aus. Neben den Wasserböcken sehe ich etliche Sambesi-Litschis. Sie sind hier offenbar die häufigste Antilopenart.

Ich habe meinen Kompass mitgenommen, benutze ihn aber nicht, da ich denke, es wird nicht schwer sein, in dieser abwechslungsreichen Landschaft den Rückweg zu finden. Häufig muss ich von der zunächst eingeschlagenen geraden Richtung abweichen, um Sumpfstellen oder Schilfflächen zu umgehen. Ich will nicht auf dem gleichen Weg zurück gehen. Daher schlage ich einen Bogen, der irgendwann wieder auf meinen alten Kurs stoßen muss. Nach einiger Zeit kommt mir die Gegend bekannt vor. Ich glaube Landmarken, wie hohe Termitenhaufen und einzelne Palmen, die ich mir eingeprägt habe, wiederzuerkennen. Ich bin überzeugt in kurzer Zeit zurück beim Zelt zu sein, aber dann stehe ich wiederholt vor Sumpfflächen, die vorher nicht da waren. Auch die Reihenfolge der Landmarken ist durcheinander geraten. Plötzlich sind überall Termitenhaufen und einzelne Palmen, so dass ich eigentlich nach jeder Richtung mit genügend Einbildungskraft meinen Hinweg rekonstruieren kann. Ich werde immer unsicherer in welcher Richtung das Lager liegt, dennoch gehe ich zunächst stur auf dem jetzt eingeschlagenen Kurs weiter. Vielleicht bin ich ja doch richtig und stoße auf das Lager. Dann schaue ich auf die Uhr, und weiß, dass in einer Stunde die Dunkelheit hereinbricht. Es gibt keinen Zweifel mehr, ich habe mich total verlaufen! Nun tue ich genau das Falsche: Statt stehenzubleiben und in Ruhe nachzudenken, gerate ich in Panik und laufe immer schneller, mal in die eine, mal in die andere Richtung. Dabei stolpere ich fast über ein Warzenschwein, das vor mir flüchtet. In meiner Verzweiflung stoße ich laute Rufe aus, in der Hoffnung, dass Ubu mich hört und antwortet. Aber nichts, nur die Geräusche der Savanne sind zu hören. Schließlich wird mir klar, dass ich heute nicht mehr zurückfinde. Gleichzeitig gewinne ich meine Ruhe zurück und überlege, wie ich die Nacht am besten überstehen kann. Ich trage lediglich Hut, Hemd und Hose, in der sich Kompass, Messer sowie ein Feuerzeug befinden. Nach kurzer Suche habe ich ein Plätzchen auf der Savanne gefunden, wo es genügend Holz gibt. Mit dem Messer schneide ich mir Gras für meine "Matratze" und schichte es auf. Dann sammle ich soviel Reisig wie möglich, da ich weiß, dass ein Feuer als Schutz gegen Raubtiere und die Kälte der Nacht, jetzt das Allerwichtigste ist. Das Feuerzeug funktioniert, und schon bald fühle ich mich neben den zuckenden Flammen nicht mehr ganz so hilflos. Mit Einbruch der Dunkelheit erklingen die Geräusche der Savannennacht, die ich nun aber ganz anders empfinde, als in den Nächten zuvor, wo Ubu bei mir war und die Zeltwände ein Gefühl der Sicherheit vermittelten. Ganz in der Nähe höre ich das Gekicher eines Hyänenrudels. Dann ertönt etwas weiter entfernt ein dumpfes Grollen. Es ist kein heranziehendes Gewitter, sondern das Gebrüll eines Löwen! Trotzdem fühle ich mich relativ sicher, da ich nicht glaube, dass sich ein Raubtier bis an mein Feuer wagt. Natürlich finde ich kaum Schlaf. Um auf keinen Fall zu riskieren, dass das Feuer erlischt, muss ich regelmäßig neue Zweige auflegen. Dicke Äste, die langsam vor sich hinbrennen, gibt es hier nicht. Außerdem beißt die Nachtkühle auf der dem Feuer abgewandten Körperseite recht unangenehm. Das ruft häufiges Wechseln der Schlafposition bei mir hervor. Später in der Nacht weckt mich das Krachen umstürzender Bäume aus einer kurzen Schlafphase. Das laute Trompeten verrät mir unverkennbar, dass eine Elefantenherde unterwegs ist.

Nach einer langen, unruhigen Nacht dämmert der Morgen. Ich erhebe mich mit steifen Gliedern und mache mich wieder auf die Suche nach dem Camp. Diesmal bin ich ruhiger, und marschiere planvoll. Etwas entfernt zieht ein einzelner Elefant durch den Morgendunst an einer Schilffläche. Irgendwann komme ich eine Stelle, die ich tatsächlich wiedererkenne. Ab hier schlage ich den richtigen Weg ein und erreiche schließlich das Lager. Ubu, der sich sicher große Sorgen gemacht hat, begrüßt mich überschwenglich, und ich genieße nach diesem Abenteuer das reichliche Frühstück aus gegrilltem Fisch.

Später am Morgen fahre ich mit dem Mokoro zum Angeln auf den See. Das Boot gehorcht mir zwar noch nicht völlig, aber irgendwie komme ich im Zick-Zack Kurs voran. Nun muss ich leider gestehen, dass ich in der Kunst des Fischens ein blutiger Anfänger bin. Vor dieser Reise war ich einige Male mit einem Freund, der schon lange angelt, an Fischteichen. Allerdings tranken wir mehr Bier, als dass wir etwas fingen... . So werfe ich denn meine schon etwas beschädigte Teleskopangel mit einem Blinker aus. Gar nicht weit entfernt schaut mir unser "Hauskrokodil", dessen Kopf aus dem Wasser hervorlugt, unbeweglich zu. Ich lasse es nie lange aus den Augen, man kann ja nicht wissen, was es vor hat! Nach einiger Zeit zappelt tatsächlich etwas mir mächtig groß vorkommendes am Haken. Aber dann gibt es einen Ruck. Der Fisch hat den Blinker abgerissen. Oder hatte ich etwa das Hauskrokodil am Haken? Jedenfalls breche ich meinen zaghaften Angelversuch ab.

Später folge ich eine Zeit lang einem Flusspferdpfad. Diese massigen Kolosse kommen nachts zum Grasen an Land, wobei sie immer dieselben "Strassen" benutzen und mit Kothaufen markieren. An einem Teich gleitet ein sich sonnendes Krokodil blitzschnell vor mir ins Wasser. Manchmal sehe ich merkwürdig aussehende, eulengroße, braune Vögel. Diese Hammerköpfe haben ihren Namen von dem nach hinten gebogenen Kopf. Sie ernähren sich überwiegend von Fischen und sind eigentlich nachtaktiv.

Als wir am nächsten Morgen unsere Fahrt fortsetzen, haben wir zeitweilig faszinierende Begleiter. Weißwangenotter umspielen mal einzeln, mal zu dritt, unser Boot. Sie sind sehr neugierig, und kommen bis auf fünf Meter an uns heran. Wenn wir uns bewegen, tauchen sie für kurze Zeit weg. Bald sind sie aber wieder da, und beobachten neugierig weiter. Gelegentlich spielen sie aber auch miteinander. Diese attraktiven Wassermarder sind etwas größer als die Fischotter bei uns, aber ebenso gewandt.

An einem verlassenen Safaricamp mit reetgedeckten Hütten rasten wir. Es gibt sogar funktionierende Duschen!

Als wir wieder einmal an einer Stelle ankommen, wo zwei Wasserläufe sich trennen, entscheiden wir uns für den falschen Arm, wie sich später herausstellt. Es ist keine Strömung zu bemerken. Nach einiger Zeit wird das Wasser immer flacher, und die Fahrrinne ist kaum noch zu erkennen. Da wir auch vorher schon solche Abschnitte passiert haben, nach denen der Fluss wieder tiefer wurde, staken wir noch eine Weile weiter. Schließlich erkennen wir, dass wir falsch abgebogen sind. Plötzlich nähert sich ein Mokoro mit einer Frau und einem Jungen an Bord. Ubu spricht kurz mit ihnen, dann folgen wir den Beiden in rascher Fahrt. Schließlich erreichen wir ein großes Dorf mit runden, schilfgedeckten Lehmhütten, das inmitten der weiten Sümpfe auf einer Insel abseits des Hauptkanals liegt. Es muss interessant sein, wie diese, nur per Mokoro erreichbaren Menschen, leben. Ubu erklärt den Leuten unser Problem, und ein anderes Boot geleitet uns zurück zum Boro, allerdings auf ganz anderem Weg, als wir gekommen sind. Unser Nachtlager errichten wir auf einer kleinen Palmeninsel.

Am nächsten Morgen passieren wir zwei Lodges, in deren Nähe das sonst glasklare Wasser getrübt ist. Motorboote, denen wir manchmal begegnen, transportieren Touristen zu diesen Hotels inmitten der Wildnis. Später schlagen wir unser Camp in der Nähe eines verlassenen Wildhüterstützpunktes auf. Von hier aus, möchte ich zu Fuß, Chief's Island weiter erkunden. Die Insel ist Teil des 1800 qkm großen Moremi Wildschutzgebietes. Die Landschaft ist weiträumiger als bei der Nxaraga Lediba. Es gibt weniger Palmenwälder, dafür mehr lichte Akaziengehölze. Jetzt, am Ende der Trockenzeit, sind viele Savannenbäume kahl.

Als ich nachmittags unterwegs bin, nehme ich in der Nähe einer Baumgruppe eine Bewegung wahr. Ich schleiche näher, und stehe dann am Rand einer weiten, saftiggrünen Rasenfläche. Hier bietet sich mir ein Bild, das ich, als ersten Eindruck von der Vielfalt des afrikanischen Savannenlebens, wohl nie vergessen werde. Die Bewegung, die meine Aufmerksamkeit erregt hat, stammt von fünf großen, braunen Antilopen, die unter einigen Bäumen stehen. Ihr Fell wird von feinen, weißen Querstreifen unterbrochen. Die Bullen tragen lange, herrlich geschwungene Korkenzieherhörner. Sie gehören zu einer der schönsten Antilopenarten Afrikas, dem großen Kudu. In der Mitte der Rasenfläche fressen zwölf schwarzweiß getigerte Steppenzebras und ziehen von Zeit zu Zeit ein Stück weiter. Direkt vor mir, an einem Wasserloch, tummeln sich zahlreiche Warzenschweine, unter ihnen auch einige Jungtiere, die sich mit Vorliebe im Schlamm wälzen. Am Rand der Fläche beobachte ich ein Streifengnu und einige Impalas. Ich genieße das Schauspiel einige Zeit und will mich dann unbemerkt entfernen. Aber schon nach wenigen Schritten sehe ich eine Herde von etwa 100 Kaffernbüffeln aus dem Akaziendickicht ziehen. Zunächst ist die geschlossene Masse, der sich fressend fortbewegenden Kolosse, noch zweihundert Meter von mir entfernt. Als sie näherrücken, halte ich es für besser mich langsam zurückzuziehen, denn Büffel sind bekannt für ihre Unberechenbarkeit. Allerdings droht von einer Herde weniger Gefahr, als von einem alten, einzelgängerisch lebenden Bullen. Kommt es in dichter Vegetation zu einer plötzlichen Begegnung, sieht der manchmal keinen anderen Ausweg, als anzugreifen.

Zurück im Lager bin ich überglücklich. Es ist ein ganz besonderes Gefühl sich afrikanischem Wild zu Fuß oder im Boot zu nähern. Dies wird mir bewusst, als ich später in ostafrikanischen Nationalparks mit einem Geländewagen unterwegs bin. Hier liefert der kundige, afrikanische Fahrer die Beobachtungen quasi auf Bestellung. Zwischen den anderen Safariteilnehmern, die ständig die halbzahmen Tiere knipsen, komme ich mir eher vor, wie in einem Zoo, als in ursprünglicher Wildnis. Die Spannung, die ich heute am Okavango erfahren habe, fehlt dort komplett.

In der Nacht regnet es zum ersten Mal, seit meiner Ankunft in Johannesburg. Bei Sonnenaufgang breche ich zu einem erneuten Erkundungsgang auf. Ubu hat mir seinen kleinen Stoffrucksack ausgeliehen, in dem ich etwas Proviant und vor allem meinen Wassersack transportiere. Denn sobald die Sonne höher am Himmel steht, muss ich häufig trinken. Eine Wasserflasche reicht nicht, um den Durst eines Tages zu stillen. Obwohl das Delta natürlich sehr wasserreich ist, kann es sein, dass man in der weiten Savanne der Insel über weite Strecken nichts von der lebensnotwendigen Flüssigkeit findet. Nach einiger Zeit stoße ich im Akazienwald überraschend auf einen jungen Büffel, der mich kurz mustert bevor er reissaus nimmt. Überall sind Tiere. Am Wasser sehe ich metergroße, braunweiße Sporngänse neben den kleinen Zwerggänsen. Ebenfalls in Gewässernähe halten sich die, zur Storchfamilie gehörenden, dunkel gefärbten, Klaffschnäbel auf. Ihren Namen haben sie von dem eigenartig geformten Schnabel, der zum Festhalten und Entleeren von Schneckenhäusern ideal ist. Auf den Überschwemmungsflächen stehen da und dort die riesigen Sattelstörche, über denen Schreiseeadler und Schwarzmilane kreisen. Aber auch in den, von Grasflächen aufgelockerten, lichten Savannenwäldern gibt es stets etwas zu sehen. Mal tobt eine fünfzigköpfige Gnuherde an mir vorbei. Dann sehe ich Zebraherden, von denen einzelne Mitglieder ein Staubbad nehmen, gut getarnte große Kudus oder einzelne Wasserböcke. Oft laufen einige hühnergroße Frankoline und Perlhühner vor mir durch das Gras. Streifenlieste, die zur Eisvogelverwandschaft gehören, starten von ihren Ansitzwarten und erhaschen Insekten im Flug. Häufig begegnen mir Sambesi-Litschis und Warzenschweine. Die Übergänge zwischen Busch und Steppe sind der Lebensraum der Impalas, die ich hier in Rudeln bis zu 50 Stück antreffe. Diese rötlichen Antilopen reagieren sehr zutraulich auf mich. Nur wenn ich ihnen zu nahe komme, entfernen sie sich mit hohen Sprüngen. Im Akazienwald sehe ich oft Pavianherden, deren lebhaftes Auftreten mich stets fesselt und zum Beobachten einlädt. So vergehen die Stunden wie im Flug, und diesmal verlaufe ich mich nicht, da ich anfangs einer alten Fahrspur gefolgt bin und ansonsten den Kompass im Auge behalte. Ubu, der zunächst dachte, dass er mich begleiten muss, ist froh über solche Tage, an denen er nicht staken muss, und mehr oder weniger faulenzen kann.

Als wir nach drei Wochen wieder nach Maun kommen, werde ich gefragt, ob ich viel Setswana oder Ubu Englisch gelernt hat. Die Antwort ist ein klares Nein. Wir sind nach kurzer Zeit ein eingespieltes Team und jeder weiß wie die Tage verlaufen, vom morgendlichen Aufbruch bis zum Lageraufschlagen am Abend. Wir verstehen uns auch ohne viele Worte. Abends am Feuer spenden die Flammen und die Geräusche der Nacht genug Unterhaltung. Allerdings erfahren wir durch die Sprachbarriere leider wenig Persönliches voneinander.

Am nächsten Tag lassen wir Chief's Island hinter uns. Die vielen Inseln, die bisher die Landschaft geprägt haben, verschwinden weitgehend. Abends müssen wir lange suchen, bis wir ein Palmeneiland für das Nachtlager gefunden haben. Der Boro windet sich jetzt häufig durch fünf Meter hohe Papyrusbestände. Es ist spannend, wenn wir irgendwo vor uns das Prusten von Flusspferden hören und dann hinter einer Biegung plötzlich auf sie stoßen. Die meisten Todesfälle, durch wilde Tiere in Afrika, werden nicht von Löwen oder Leoparden, sondern von diesen Wasserdickhäutern verursacht, die mit ihren mächtigen Kiefern eine Nussschale, wie unser Boot, mittendurch beißen können. Wir haben aber stets Glück. Die Entfernung zu ihnen ist immer groß genug, um sie nicht zum Angriff zu reizen. Manchmal beobachten sie uns, regungslos im Wasser liegend. Häufig flüchten sie aber auch. Immer öfter sehen wir Krokodile, die allerdings schnell verschwinden, wenn sie uns bemerken. Ein Zeichen dafür, dass hier immer noch gewildert wird. Einmal, als wir lautlos ans Ufer einer Insel gleiten, stürzt sich ein etwa zweieinhalb Meter langes Reptil, das sich an Land gesonnt hat, vor uns ins Wasser und taucht unter dem Mokoro weg.

Das Vogelleben bleibt weiterhin faszinierend. Allein von den Reihern sind, vom riesigen Goliathreiher über den Purpurreiher, bis zu den nur selten im Schilf zu beobachtenden, kleinen, schwarzen Glockenreihern, alle Größen vertreten. Greifvögel, wie die großen Raubadler oder braune Schlangenadler, kreisen oft über uns. Jeden Tag haben wir Begegnungen mit unseren Lieblingssäugern, den Weißwangenottern. Das Wasser ist jetzt meist sehr flach. Mitunter nehmen wir den falschen Wasserlauf, enden in einer Sackgasse und staken dann wieder zurück. Andere Menschen begegnen uns gar nicht mehr.

Bei Sonnenaufgang gehe ich stets spazieren. Einmal begegnet mir dabei ein Elefant, den ich eine Weile beobachte, da der Wind aus seiner Richtung kommt und er mich daher nicht bemerken kann. Er stößt mit seinem Kopf gegen eine Palme, bis die Früchte herabregnen, die er dann mit dem Rüssel geschickt zum Mund führt. Nach einiger Zeit taucht ein kleinerer Elefant auf, wahrscheinlich das Junge der Kuh, und die beiden verziehen sich in den Wald.

Nachdem wir noch ein paar Tage weiter ins Delta vorgestoßen sind, beginnen wir die Rückfahrt. Vom Boot aus sehen wir wiederholt Herden der Sambesi-Litschis. An einem Tag zähle ich über dreihundert von ihnen. Einmal beobachten wir versteckt im Schilf eines der scheuesten Tiere in den Sümpfen, die Sitatunga. Diese große, dunkle Antilope ist vollkommen an das Leben mit dem Wasser angepasst. Ihre riesigen, spreizbaren Hufe verhindern das Einsinken im Schlamm. Wir haben ein junges Sitatungamännchen vor uns, das nur kurze Hörner trägt. Bei europäischen Jägern ist diese Antilope wegen ihrer schwierigen Bejagung in den Sümpfen, eine begehrte Wildart.

Im klaren Wasser sehen wir gelegentlich meterlange Fische, die in kleinen Schwärmen auftreten. Sie gehören vermutlich zu den Welsen, da sie lange Schnurbarthaare haben. Wir kommen jetzt, mit der an Engstellen deutlich stärkeren Strömung, schneller voran. Bald haben wir Chief's Island wieder erreicht, wo ich zu neuen Entdeckungstouren aufbreche. Ein Nachteil meiner leichten Buschstiefel ist, dass man im Sumpf oder beim Durchschreiten eines Wasserlaufs sofort nasse Füße kriegt. Zwar trocknen sie schnell, aber hier im Okavango Delta kommt man stellenweise sehr häufig mit Wasser in Berührung, so dass man einen Fön bräuchte, um die Stiefel wieder richtig trocken zu kriegen.

In der Savanne begegnet mir ein zehnköpfiges Giraffenrudel. Die Tiere sind sehr unterschiedlich in der Größe, vom sechs Meter hohen Bullen, bis zu den kleinen, noch ungefleckten Jungen. Mittags lege ich mich unter eine Akazie, wo ich meine Mahlzeit aus Hartkeks mit Marmelade und Fisch von heute Morgen essen will. Leider sitzen auf dem Fisch schon viele Ameisen, keine Ahnung, wo die herkommen. Plötzlich nähert sich ein Giraffenbulle und beginnt an einer Akazie Blätter zu fressen. Er ist nur zehn Meter entfernt von mir. Die spitzen Dornen stören ihn nicht, da seine Lippen sehr widerstandsfähig sind und lange Wimpern die Augen schützen. Für die turmhohen Giraffen ist der beste Schutz gegen Löwen ihr scharfer Blick, ab und zu reißen die Katzen ein Jungtier. Mich Zwerg nimmt der Bulle aber nicht wahr, da ich fünf Meter unter ihm unbeweglich verharre. Schließlich kommt er sogar zu meinem Baum und beginnt in der Krone zu fressen. Ich kann das Geräusch vom abzupfen der Blätter hören. Neben den Elefanten, die durch Umbrechen der Bäume an das Laub gelangen, sind die Giraffen, als Blattfresser in dieser Höhe konkurrenzlos. Daher müssen sie auch am Ende der Trockenzeit, wenn das meiste Gras verdorrt ist, nicht darben. Irgendwann bemerkt mich die Giraffe dann aber doch und galoppiert davon.

An diesem Tag habe ich noch mehrere Begegnungen mit diesen Riesen der Savanne. Einmal zieht ein Trupp sogar neugierig auf mich zu.

In der Nähe unseres nächsten Lagers, einem verlassenen Safaricamp, begegnet mir eine Büffelherde, die man nur riesig nennen kann. Über eine Stunde lang ziehen die schwarzen Kolosse an mir vorbei. Bei dreihundert höre ich auf zu zählen. Es sind aber noch viel mehr. Als ich nachmittags zurückkomme, ist die Herde immer noch in der Nähe des morgendlichen Beobachtungsplatzes. Unglücklicherweise versperrt sie mir jetzt den Weg zurück zum Lager. Theoretisch könnte ich sie zwar umgehen, allerdings erstrecken sich auf beiden Seiten Sumpf und Wasser, und ich habe wenig Lust auf eine Schwimmpartie in krokodilverseuchten Gewässern. Ich schaue ich den Büffeln eine Zeit lang zu und hoffe, dass sie bald weiterziehen. Leider bewegen sie sich kaum von der Stelle. Irgendwann verliere ich die Geduld und gehe langsam auf sie zu. Dabei behalte ich stets den nächsten Baum im Auge, auf den ich mich im Angriffsfall retten kann. Es gibt aber leider kaum eine geeignete Akazie in der Nähe! Bald nehmen die Büffel mich wahr und sehen mich unbeweglich an. Erst als ich bis auf fünfzig Meter heran bin, setzt sich eines der Tiere in Gang, woraufhin ihm die ganze Herde folgt. Glücklicherweise laufen sie nicht in meine Richtung! Der Boden erzittert vom Donnern der Hufe. Nach nur hundert Metern bleiben die Büffel stehen, und das Spiel wiederholt sich. Am Rande der Herde lösen einige Bullen ihre Spannung in kurzen Kämpfen gegeneinander. Dabei versuchen sie, sich Schädel an Schädel gegenseitig wegzudrücken. Als die Herde zum zweiten Mal flüchtet, ist der Weg zum Lager frei, und mein Puls schlägt langsam wieder normal.

Bald danach lagern wir wieder in dem Camp, von wo ich zu meiner ersten Begegnung mit Büffeln, Kudus und Zebras aufgebrochen war. Bei unserem ersten Aufenthalt hatte ich mir vorgenommen, hier weitere Erkundungstouren zu unternehmen. Nun bin ich bei bedecktem Himmel wieder unterwegs.

Als ich auf den Kompass blicke, den ich jetzt nie lange aus den Augen lasse, stelle ich fest, dass die Nadel aus ihrer Halterung gefallen ist. Um sie wieder aufzusetzen, öffne ich das Gehäuse mit meinem Taschenmesser. Dabei geht die Flüssigkeit verloren, die für eine schnelle Beruhigung des Instruments sorgt. Es gelingt mir zwar die Nadel wieder an die richtige Stelle zu setzen, aber wenn ich jetzt peile, kommt sie nicht mehr zur Ruhe, so dass die Richtung nur noch grob zu bestimmen ist. Ab jetzt konzentriere ich mich stark auf die Orientierung. Trotzdem beobachte ich wieder viele Tiere. An einer Stelle grasen Büffel, Zebras, Gnus, Halbmondantilopen und Impalas friedlich nebeneinander. Manchmal laufen einige fette Perlhühner blitzschnell vor mir her. In den kleinen Waldinseln rufen scheue Grüntauben aus den Bäumen. Ihr leuchtend gelb-grünes Gefieder mag ich ganz besonders.

Einmal sehe ich einige Marabus im Gras sitzen. Diese Aasfresser sind mit den Störchen verwandt!

Irgendwann wird es Zeit den Rückweg anzutreten. Ich finde es langweilig dieselbe Strecke zurück zu gehen, daher beschließe ich einen Bogen zu machen. Es scheint, als hätte ich aus den ersten Fehlern nichts gelernt. Wieder glaube ich, mich zunächst in die korrekte Richtung zu bewegen, um dann festzustellen, dass mir eventuell die zweite ungewollte Übernachtung ohne Zelt in der Savanne bevorsteht. Lange Zeit folge ich einem Wasserlauf, von dem ich glaube, dass er der Boro ist. Ich schöpfe neue Hoffnung, es noch vor dem Dunkelwerden zum Lager zu schaffen. Dann aber wendet sich der Lauf des Gewässers vom Land ab, um in dichten Papyrusfeldern zu verschwinden. Es ist unmöglich ihm dort weiter zu folgen. Die Zeit verrinnt und kein Zeichen weist auf die Nähe des Lagers hin. Mir bleibt nichts anderes übrig, als wie beim letzten Mal mein "Bett" in der Savanne zu bauen.

Bei Sonnenaufgang haste ich weiter, als gelte es so schnell wie möglich den Weg zurück zu finden. Obwohl ich kaum noch Augen für das Tierleben habe, nehme ich plötzlich eine Bewegung im hohen Gras wahr. Vier Tüpfelhyänen liegen keine dreißig Meter entfernt. Eine steht auf und läuft langsam auf mich zu. Sie ist wohl neugierig auf das merkwürdige zweibeinige Wesen in ihrer Nähe. Ich habe keine Angst, obwohl ich weiß, dass Hyänen keineswegs die feigen Aasfresser sind, für die sie allgemein gehalten werden. Einen Großteil ihrer Nahrung erbeuten sie als aktive Räuber, und es gibt Fälle in denen sie Menschen angegriffen und getötet haben. Von mir wollen die gefleckten Hyänen aber nichts, und ziehen sich langsam zurück.

Gleichzeitig tauchen zwei der gefürchtetsten Räuber des Kontinents auf, Hyänenhunde! Diese kleinen Wolfsverwandten hetzen in großen Rudeln Tiere bis Zebragröße. Eine einmal anvisierte Beute hat kaum eine Chance zu entkommen. Glücklicherweise sind die beiden wohl alleine, fernab ihrer Meute, so dass sie nicht auf die Idee kommen mich anzugreifen.

Anschließend irre ich noch lange umher, bis ich auf einen Fahrweg stoße, dem ich folge. Nach einiger Zeit erkenne ich Fußspuren vor mir im Sand. Ich denke mir zunächst nichts dabei, bis ich merke, dass die Abdrücke mit denen meiner Stiefel übereinstimmen! Zunächst vermute ich, im Kreis gelaufen zu sein. Dann aber wird mir klar, dass ich hier auf einer der Touren vom letzten Lager aus vorbeigekommen bin. Ich folge den Spuren, auch nachdem sie den Weg verlassen. Mit zunehmendem Bodenbewuchs verliere ich die Fährte häufig, finde sie aber nach einigem Suchen stets wieder. Schließlich gelange ich zu dem verlassenen Safaricamp, wo wir zuvor gelagert hatten. Nun stehe ich am Boro, und weiß, das Ubu und das Zelt eine Mokoro-Tagesfahrt entfernt sind.

Einerseits ist es unmöglich dem Fluss zu Fuß zu folgen. Andererseits erscheint es aussichtslos wieder landeinwärts zu marschieren in der Hoffnung irgendwo eine markante Stelle zu entdecken, von der aus ich den Weg zurück finde. Ich wähle das kleinere Übel und marschiere den Boro abwärts. Häufig treffe ich auf Krokodile, die blitzartig ins Wasser schnellen, als sie mich bemerken. Stellenweise ist der Gewässerrand sehr sumpfig, so dass ich kaum vorwärts komme. Plötzlich höre ich Motorengeräusch. Ein Boot mit zwei Schwarzen nähert sich. Als ich winke legen sie an. Die beiden sprechen kein Englisch, so dass ich nicht erfahre was sie hier machen. Es ist ein Vergnügen in rascher Fahrt die Windungen des Boro entlang zu schießen. Wir benötigen für die Strecke die mit dem Einbaum den ganzen Tag in Anspruch nahm, nicht einmal eine Stunde. Dafür sehen wir aber auch viel weniger. Ich konzentriere mich auf das Ufer, damit wir den versteckt liegenden Zeltplatz nicht verpassen. Tatsächlich erkenne ich irgendwann "unsere" Bucht wieder, wo mich die beiden absetzen, und ich mich überglücklich bedanke.

Ubu, der schon daran dachte landeinwärts zu humpeln um mich zu suchen, ist auch froh, dass ich auf diese überraschende Art zurückgekehrt bin.

Noch am selben Tag fahren wir ein Stück weiter, und schlagen ein neues Lager auf.

Wir sitzen entspannt am Feuer, als wir das Trompeten von Elefanten hören. Bald darauf ziehen elf der Dickhäuter, darunter ein Junges, im Galeriewald des gegenüberliegenden Ufers vorbei.

Nachts taucht der volle Mond die Umgebung in sein silbernes Licht. Ganz in der Nähe hören wir das Gebrüll der Löwen, und die Elefanten bei ihrer Palmnussernte. Am liebsten würde ich mit dem Boot in die geheimnisvolle Nacht hineinfahren. Vor allem wegen der Flußpferde, wäre das aber wohl zu gefährlich.

Als ich am nächsten Morgen von einem kurzen Spaziergang zurückkomme, ist Ubu der das Netz einholen wollte, noch nicht im Lager. Ich gehe ihn suchen, und treffe ihn am Ufer. Das Netz ist weg! Nach längerer Suche finden wir es leer und zerrissen im Ufergebüsch hängend, etwa 500 Meter von der Auslegestelle entfernt. Offenbar haben im Netz zappelnde Fische die Aufmerksamkeit eines Krokodils auf nächtlicher Jagd erregt. Es hat das Netz losgerissen, ein Stück mitgeschleppt, und die Fische gefressen, wobei es größere Löcher in den Maschen verursacht hat. Ubu flickt es notdürftig, aber von nun an nimmt unser Fangergebnis ab.

Bald darauf gleiten wir wieder durch den Papyruswald. Hinter einer Biegung stehen wir plötzlich vor einem nur 20 Meter entferntem Flusspferd. Das Hippo sieht uns, schnaubt laut, und bricht krachend davon. So spannend die Begegnungen mit den Wasserdickhäutern auch sind, 20 Meter sind einfach zu nah!

Etwas später hören wir vor uns lautes Planschen. Wir denken, es sind wieder Flusspferde und staken mit gespannter Aufmerksamkeit langsam weiter. Nachdem wir einige Biegungen ereignislos passiert haben, bietet sich hinter einer weiteren Kurve ein unerwarteter Anblick. Fünf Elefanten baden etwa 50 Meter entfernt im Boro. Ihre kleinen Stoßzähne zeigen, dass sie erst halbwüchsig sind. Darauf lässt auch ihr ganzes verspieltes Verhalten schließen. Sie balgen wild herum und versuchen sich gegenseitig zu besteigen. Einer der Fünf steigt auf das Ufer. Als die anderen ihm folgen wollen, schubst er sie immer wieder zurück ins Wasser. Wir beobachten den Trupp über eine Stunde lang, bis ein Motorboot mit Touristen herantuckert. Als die Elefanten das Boot hören, ziehen sie sich langsam zurück.

Wir gelangen jetzt zurück in bewohnte Bereiche. Auf einer kleinen Insel gibt es für Ubu einen Grund zur Freude! Einige Palmen sind hier zur Weingewinnung angeritzt. Der den Stamm herablaufende Saft sammelt sich in Flaschen. Ubu bedient sich aus einem der Gefäße, und ich trinke auch ein Schlückchen. Die Flüssigkeit schmeckt süß, enthält jedoch kaum Alkohol, da die Gärung noch nicht weit fortgeschritten ist.

Als wir später an einem am Ufer festgemachten Netz vorbeikommen, zögert Ubu nicht lange, und tauscht es gegen unser Geflicktes aus!

Am letzten Morgen unserer Bootstour sehe ich auf einer Insel nochmals einen Palmnüsse herunterschüttelnden Elefanten. Dann zieht das Weideland wieder an uns vorbei. Oft sitzen Madenhacker auf Kühen und Eseln, denen sie Ungeziefer aus den offenen Rückenwunden auslesen. Gegen Mittag erreichen wir die Island Safari Lodge. Ich bezahle Ubu seinen Lohn, und verabschiede mich von meinem Begleiter. Die drei Wochen in denen er auf das vertraute Dorfleben verzichten musste, waren sicher eine harte Zeit für ihn.

In der Rückschau mutet mir diese Bootsreise manchmal geradezu paradiesisch an. Nachdem ich mich an die Hitze gewöhnt hatte, konnte ich die Sonne richtig genießen. Wenn wir Hunger hatten, war stets genug Fisch da. Um unseren Durst zu stillen, brauchten wir nur aus dem Fluss zu schöpfen. Wo es uns gefiel, konnten wir lagern und zu Fuß die Gegend erkunden oder weiterfahren, wann immer wir wollten. Kurzum, die Freiheit wurde nur durch den Verlauf des Boro und unsere Angst vor dem Verirren bei Verlassen des Hauptkanals eingeengt. Neben der Freiheit, die wohl jedes Paradies auszeichnet, verstärkten die schöne Landschaft und das reiche Tierleben den Eindruck an einem ganz besonderen Ort zu sein.

Trotzdem, drei Wochen waren lange genug, denn es hatten sich bereits Gewöhnung und Routine eingestellt. Begegnungen mit Elefanten, Büffeln und Flusspferden, die am Anfang noch einzigartig erschienen, wurden schließlich fast alltäglich. Der afrikanische Sternenhimmel, das nächtliche Lagerfeuer, die Leuchtpunkte der Glühwürmchen in der Dunkelheit, und das Gelächter der Hyänen wurden zu etwas Selbstverständlichem, dessen Zauber etwas verblasste. Nun, es war eine phantastische Tour, an die ich gern zurückdenke, aber jetzt suchte ich neue Erlebnisse.


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