Auf diesem Abschnitt übernachte ich in netten italienischen Bivaccos, und beobachte einen der seltenen Bartgeier.
Hinter Trepalle laufe ich in ein sanft ansteigendes Tal. Hier auf 2100 Meter blühen Wiesenknopf und Schlangenknöterich. Offenbar fühlt sich hier auch das seltene Braunkehlchen sehr wohl, denn ich beobachte ein Pärchen mit bereits flüggen Jungen.
Es duftet nach Heu und an den Hängen wird das Gras in Handarbeit gemäht. Da heute ein perfekter, heißer Tag ist, nutze ich die Gelegenheit und wasche meine Sachen und mich am Bach. Als ich dann nach einer Stunde wieder aufbreche, ist die Kleidung schon fast trocken!
Der Aufstieg zum Passo della Vallacia (2611 m) ist nicht sehr steil, daher treffe ich hier sogar ihre Räder tragende und schiebende Mountainbiker!
Im Val Viola komme ich an einigen, zum Teil renovierten Steinhäusern vorbei. Offenbar dienen sie heute überwiegend als Feriendomizile, daher begegnen mir hier relativ viele Leute. Nichts desto trotz ist das Tal mit den dahinter aufragenden Gletscherbergen sehr schön.
Im Val Viola
Die Schneeberge kommen immer näher und ich beschließe spontan zum Bivacco Caldarini zu gehen, was hoch unter einem Gletscher gelegen ist.
Als ich einen großen Vogel wahr nehme, denke ich zunächst an einen Steinadler. Als ich aber durch mein Teleobjektiv schaue, macht mein Herz einen noch größeren Sprung: Es handelt sich um einen Bartgeier, der sich langsam in die Höhe schraubt! Dieser hat eine noch größere Spannweite als ein Adler und war in den Alpen schon ausgestorben, vor allem weil er lange als Schaffresser galt, und dementsprechend verfolgt wurde. Daher auch sein zweiter Name "Lämmergeier". Tatsächlich ernährt sich dieser majestätische Vogel fast ausschließlich von Aas. Dabei ist er besonders auf Knochen spezialisiert, die er aus großer Höhe fallen lässt, um sie zu zerkleinern. Inzwischen wurde der Bartgeier an einigen Stellen in den Alpen wieder angesiedelt, ist aber immer noch ziemlich selten.
Schließlich erreiche ich das Bivacco, eine winzige, knallrote Metallschachtel auf 2500 m Höhe.
Bivacco Caldarini Die Biwakschachtel ist zwar eng, aber mit hochklappbaren Liegen und Tisch geschickt raumsparend konstruiert. |
Früh am nächsten Morgen steige ich über Blockschuttfelder zurück ins Tal, dem ich aufwärts zum Passo Dosdé auf 2828 Meter folge. Auf der Passhöhe steht eine Steinhütte des CAI, die Platz für 12 Leute bietet, und ebenfalls umsonst benutzt werden darf! In der gemütlichen Hütte gibt es sogar einen Gaskocher!
Über Geröll und nicht zu steile Schneefelder laufe ich dann abwärts zum Lago Nero auf ca. 2600 m, dem wohl schönsten Bergsee bisher auf dieser Tour!
In der Umgebung nehme ich einen großen Schmetterling wahr, der erst an einer Blüte sitzt, sich dann aber offenbar ziemlich erschöpft auf dem Boden nieder lässt. Es handelt sich dabei um einen seltenen Schwarzen Apollo!
Von 2100 Meter steige ich hoch zum kleinen Lago Venere, wo ich meine Mittagspause einlege. Leider ziehen jetzt zunehmend Wolken auf, und es sieht nach Regen aus.
Der weitere Aufstieg zum Passo di Vermolera ist teilweise recht steil im Schotter. Natürlich gibt es hier keine Möglichkeit sich vor dem Regen zu schützen, der bald nieder geht. Also laufe ich in Regenjacke und Regenhose weiter.
Glücklicherweise regnet es nur kurz und bald klart es wieder auf. Hinter dem Pass öffnet sich eine weite Hochebene. Eine Landschaft die auch in Ladakh sein könnte!
Ich habe mich schon über die Reifenspuren hier gewundert. Bald treffe ich zwei Schäfer und erfahre des Rätsels Lösung: Die Hirten benutzen geländegängige Mopeds um nach ihren Tieren zu schauen!
Gegen 15 Uhr beginnt es zu donnern, daher sprinte ich rasch ins Tal, wo ich vor dem bald einsetzenden, heftigen Regen Zuflucht in einem offenen Steingebäude nehme. Die Plane des Melkwagens, unter die ich mich zunächst gestellt hatte, bot mir nicht genügend Schutz...
Wie schon mittags dauert der Spuk nur eine halbe Stunde, dann ist die Sonne wieder da. Bald laufe ich im Tal abwärts zum kleinen Weiler Malghera, wo die Straße endet und auch einige Touristenunterkünfte vorhanden sind.
Von dem Örtchen auf 1900 Meter, geht es gleich wieder aufwärts. Als ich den Lago di Malghera erreiche, beginnt es erneut zu regnen. Es gibt hier etwas abseits eine Biwakhütte aus Bruchsteinen, die ich glücklicherweise erreiche, bevor ich richtig durchnässt bin!
In der Hütte steht sogar ein Ofen!
Später klart es wieder auf und ich unternehme noch einen kleinen Abendspaziergang in die Umgebung des Sees.
Schon früh am nächsten Morgen erreiche ich den Passo di Malghera auf 2550 Meter, der die Grenze zur Schweiz markiert.
Der Abstieg zum auf lediglich 1000 Meter gelegenem Poschiavo zieht sich ziemlich, obwohl ich streckenweise auf Fahrwegen rasch vorankomme. Überall stehen hier einzelne Häuser, die heute wohl überwiegend als Wochenend- und Urlaubshäuser genutzt werden.
Poschiavo ist ein recht hübsches Städtchen mit mediterranem Flair. Vor allem bin ich gespannt, ob die Schweizer Preise meine Kasse ruinieren werden. Zu meiner Überraschung zahle ich dann im Supermarkt am Bahnhof weniger als meist in Italien! Ausserdem trägt man hier nicht mal beim Einkaufen eine Maske. Trotz der Nähe zum im Frühjahr hart getroffenem Italien, scheint man hier Corona eher relaxt zu sehen...
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