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04.02.2023

Durch den Kaukasus 2 - Kvemo Marghi - Mestia


 

2. Kvemo Marghi - Mestia

5 Tage, 84 Kilometer, 6199 hm Aufstieg

Als wir an den Häusern des Ortes vorbei gehen, wird uns klar, warum es hier so wenig zu kaufen gibt: Die Menschen sind überwiegend Selbstversorger, mit Gemüsegärten, Hühnern, Kühen und Schweinen. 

Der Weg hinter dem Ort ist zunächst gut markiert, später müssen wir aber immer mal wieder etwas suchen, bevor wir die nächste Kennzeichnung entdecken. Schon bald müssen wir einen Bach über ein schmales Holzbrett überqueren. Kein Problem, allerdings sind wir überrascht, wie sehr sich das Brett biegt!

Ein Stück weiter stehen wir am nächsten Wildbach, der sicher auch problemlos zu durchwaten wäre. Da hier aber auch ein dünner Baumstamm quer über dem Gewässer liegt, beschließen wir, diesen als Brücke zu benutzen.

Eigentlich kein Problem, aber ich komme aus dem Gleichgewicht und kann mit drei schnellen Schritten das andere Ende der Baumstammbrücke erreichen. Gerade noch mal gut gegangen! Zwar wäre bei einem Absturz wahrscheinlich auch nichts weiter passiert, da der Baumstamm nur etwa zwei Meter über dem Bach liegt, aber wer weiß…

Während zunächst noch einige Weideflächen den Baumbestand unterbrechen, tauchen wir schließlich in geschlossene Nadelwälder ein, in denen der Nebel eine düstere Atmosphäre erzeugt. Es sieht stark nach Regen aus, aber wir haben Glück, als es dann stärker zu regnen beginnt, gelangen wir auf Weideflächen und finden Unterstand an einer verlassenen Hütte, deren Veranda mit einem Plastikdach überspannt ist. Wir hatten uns einige trockene Tannenzweige aus dem Wald mitgenommen, daher können wir kochen, während der Regen auf die Plane prasselt. Erst nach einigen Stunden hört der Regen auf, und der Nebel lichtet sich. Durch eine blumenreiche, offene Landschaft steigen wir weiter auf. Allerdings ist vom Weidevieh nichts zu sehen. 

Schließlich schlagen wir unser Lager auf, und hoffen darauf dass der Nebel weiter aufreißt als wir zu einem Abendspaziergang weiter nach oben aufbrechen. Das erfüllt sich aber leider nicht, daher kehren wir schon bald zum Zelt zurück.

Am nächsten Morgen ist es zunächst etwas aufgeklart, aber sehr feucht, so dass die Mattenlandschaft in sattem Grün glänzt. Bald zieht es wieder zu, so dass wir als wir auf dem Utviri Pass (2717 Meter) ankommen, wenig von der Landschaft sehen. Die Abstiegsroute ist im Nebel nicht ganz einfach zu verfolgen, so dass wir zweimal den Weg verlieren. Immerhin ist das Terrain hier so flach, dass man auch weglos gut vorwärts kommt. Schließlich gelangen wir auf einen Fahrweg, der durch den Wald abwärts zu dem kleinen Ort Nakra führt. Es gibt hier eine Kirche und ein Schild weist auf ein Guesthouse hin. Eine Tafel verrät, dass die Mineralquelle des Orts mit koreanischer Hilfe restauriert wurde. Von lediglich 1150 Meter Höhe steigen wir durch kleine Laubwaldstücke und Blumenwiesen wieder aufwärts. 

Während es den größten Teil des Tages ziemlich neblig war, scheint als wir unser Lager aufschlagen endlich die Sonne, so dass wir unsere Solarmodule zum Einsatz bringen können. 

Am nächsten Tag wandern wir den ganzen Tag durch die abwechslungsreiche Kulturlandschaft der niedrigen Berglagen. Blumenwiesen, Gebüsche und Waldstücke wechseln einander ab. Wahrscheinlich haben hier früher mehr Menschen gelebt, wie die Ruinen des verlassenen Weilers Tsaleri zeigen. Hier laufen wir teilweise auf der Route des Transcaucasian Trails (TCT), einer geplanten Weitwanderroute durch den Kaukasus, die aber erst teilweise fertig ist. Nichts desto Trotz treffen wir einen Engländer, der seit 10 Tagen aus der Region Racha hierher gewandert ist. Zu meinem großen Neid hat er sogar einen Bären gesehen! Offenbar wird hier am TCT gearbeitet. Eine Baumstammbrücke mit Geländer über einen Wildbach wurde gerade erst fertiggestellt. Vor dem Ort Kshkuldashi passieren wir einen großen Erdrutsch. Der ganze Hang ist hier in Bewegung gekommen. An einigen Ruinen verliert sich der Pfad im Dorngebüsch und wir müssen einige Zeit suchen, bis wir schließlich den Weg wiederfinden. Im nächsten Ort Pari weisen Schilder auf Unterkünfte und Wanderwege hin. Nachdem wir einen Bach durchquert haben, schlagen wir schließlich in einem abwechslungsreichem Laubwald aus Eichen, Aspen, Hainbuchen und Wildbirnen unser Lager auf. 

Am nächsten Morgen gelangen wir bald wieder auf einen Fahrweg, der uns durch eine sattgrüne Weidelandschaft an mehreren winzigen Örtchen vorbei zum auf 2416 Meter Höhe gelegenem Bak Pass bringt. Im Nieselregen tappen wir dann durch den Birkenwald, der hier die Baumgrenze bildet. Über dem Mezir See ragt eine unscheinbare Steinkirche auf, die wir nur durch ein Schild als Gotteshaus identifizieren. Schließlich verlassen wir die Kuhweiden in der Nähe des Gewässers und steigen lange Zeit durch alten Nordmanntannenwald bergab, bis wir nach Mazeri gelangen. Nach den zahlreichen Unterkünften die dort in unserer Kartenapp eingezeichnet sind, hatten wir mit einem richtigen Touristenort gerechnet und tatsächlich gibt es sogar ein „Grandhotel“ Ushba. Ansonsten macht der Ort eher einen ungastlichen, teilweise heruntergekommenen Eindruck. Die wenig einladend wirkenden Unterkünfte sind weit verstreut und im Ortskern wechseln sich Ruinen und Neubauten ab, an denen gearbeitet wird. Wir fragen uns zu einem Laden am Ortsrand durch, der mal wieder über ein sehr dürftiges Warenangebot verfügt. 

Anschließend steigen wir in einem Bachtal wieder auf. Einige Ruinen ragen über dem Tal auf und dienen zwei Männern als Stützpunkt von dem aus sie ihre Kühe weiden lassen. Wir wandern weiter bergauf, und schlagen schließlich auf einem halbwegs ebenen Absatz unser Lager auf. Während wir noch dabei sind uns einzurichten, kommt ein älterer Reiter vorbei, der einige Worte mit uns wechselt und dann bergauf verschwindet. 

Es beginnt zu nieseln, daher verziehen wir uns ins Zelt und sind dabei Kekse zu essen, als der Reiter zurückkommt und sich ohne Einladung zu uns in das enge Zelt quetscht. Seeehr ungewöhnlich, aber gut, mal schauen, was er will…

Zunächst nehmen wir an, dass er vor dem Regen Unterschlupf sucht, aber es nieselt nur ein bisschen. Zwar können wir uns leider nicht wirklich unterhalten, erfahren aber doch, dass Misha 60 Jahre alt ist und hier oben 10 Kühe, 8 Rinder, 5 Schafe und 5 Pferde hält, nach denen er geschaut hat. Wir bieten ihm einen Keks an und erfahren schließlich, was er eigentlich will, nämlich eine Gebühr von 13 Euro dafür, dass wir hier zelten! Allerdings scheint er es auch nicht wirklich ernst damit zu meinen, denn er gibt sich damit zufrieden, als wir ihm zu verstehen geben, dass wir nicht bereit sind, Geld für das Zelten zu bezahlen. So plötzlich wie er gekommen ist, verschwindet Mischa schließlich auch wieder, eine merkwürdige Begegnung! Wir mögen es überhaupt nicht, wenn jemand unseren Lagerplatz kennt, aber Misha wirkte trotz seiner Aufdringlichkeit ziemlich harmlos, daher machen wir uns keine Gedanken und verbringen eine ruhige Nacht. 

Als wir früh am nächsten Morgen weiter aufsteigen, reißt der Dunst kurz auf und gewährt uns einen herrlichen Ausblick zu Gletschern und felsigen Gipfeln des Ushba Massivs. Leider senkt sich der Nebelvorhang kurz darauf wieder.

Ein Stück weiter überholen wir zwei junge Israelis, die Misha ebenfalls kennengelernt hatten. Bei den Männern war unser gestriger Besucher offenbar wesentlich hartnäckiger und hat sie mehrere Stunden auf seinem Pferd begleitet um eine „Gebühr“ zu kassieren…

Bereits um 10 Uhr erreichen wir den auf 2916 Meter gelegenen Guli Pass und verlassen ab dort den Pfad um weglos höher zu steigen. Obwohl hier kein Schnee liegt, ist es kalt und ungemütlich, so dass ich Handschuhe und Primaloft Jacke trage. Durch felsiges Terrain steigen wir weiter auf zu einem Grat auf ca. 3200 Meter Höhe, dem wir dann weiter folgen. Leider ist es ziemlich neblig, so dass wir von der grandiosen Umgebung wenig zu sehen bekommen. Irgendwann wird uns der Grat zu steil und ausgesetzt, so dass wir unterhalb in den Blockfeldern weiter im Hang traversieren, bis wir zum Gul See auf 3326 Meter Höhe wieder aufsteigen. Der See ist komplett unter Schnee und Eis begraben und die Umgebung wirkt sehr abweisend und unwirtlich. Ab hier folgen wir dem Grat weiter, unterhalb dessen Felsenzacken sich ausgedehnte Gletscher im Nebel verlieren. Bei 3350 Meter erreichen wir den höchsten Punkt des Grats und erhalten fantastische Ausblicke über die Gletscherwelt bis weit nach Russland hinein. Eigentlich ist der Grat nicht schwierig, aber das wir im Nebel nicht erkennen können, welche Probleme vielleicht noch auf uns warten, verleiht unserer Wanderung einen Hauch von Abenteuer. Schließlich verlassen wir den Kamm und steigen lange über ausgedehnte, rutschige Schotterfelder bergab, bis wir in der Nähe der Koruldi Seen auf einen Fahrweg gelangen. Die Seen sind offenbar ein beliebtes Ausflugsziel, während einer Pause sehen wir einige Vans hier herauf fahren, und zwei Frauen baden sogar im eiskalten Wasser!

Schließlich suchen wir uns einen Lagerplatz abseits des Fahrweges und genießen bunte Blumen, sowie die Aussicht in das bewaldete Tal unterhalb und zu den schroffen Bergen der Umgebung über denen sich ein Regenbogen eine ganze Zeit lang erstreckt. 

Schon nach nur zweieinhalb Stunden erreichen wir am nächsten Morgen dann Mestia, den Hauptort Swanetiens, wo wir uns in einem Guesthouse einmieten. Unsere Gastgeber sind schon recht alt, sprechen kein englisch, und zeigen kaum eine emotionale Regung, wenn wir sie etwas fragen, aber ansonsten gefällt uns das ruhig gelegene, traditionelle Haus durchaus. 

In Mestia gibt es zwar zahlreiche Unterkünfte, dennoch sehen wir wenige Touristen. Immerhin können wir uns in einem ziemlich kleinen Supermarkt für die nächste Etappe mit Vorräten eindecken, in einem kleinen Park gibt es leckeres Mineralwasser aus einem Brunnen, und die riesigen Puri genannten Fladenbrote, frisch von der Bäckerei, sind ein Genuss. 

















Zippammer


Wehrturm




Birkenwald an der Baumgrenze







Mazeri


Misha


Ushba-Massiv




Weglos vom Guli Pass aufwärts





Koruldi See






Mestia







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